SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

13JUL2025
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Herr Schmitz spielt gerne „Mensch ärgere dich nicht“. Er hat eine spezielle Würfeltechnik. Wenn er die Augen schließt, den Würfel anpustet und sich dabei eine Zahl wünscht, dann hat er meistens Glück. Dann reibt er sich die Hände und schmeißt genüsslich seine Gegnerin raus.

Seine Gegnerin heißt Marie. Sie ist 19 Jahre alt und macht ein Freiwilliges Soziales Jahr im Pflegeheim. So gut es geht versucht sie, die Pflegekräfte auf Station 2 zu entlasten. Sie räumt die Spülmaschine aus, bezieht Betten und verteilt Eiskaffee an die Bewohner.

Manchmal hat sie Zeit für eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ mit Herrn Schmitz. Oder um sich die Geschichten von Frau Pohl anzuhören. Die erzählt so gern, wie es war, als sie den schönen Hans kennengelernt hat und er nur mit ihr tanzen wollte. Frau Jaron erzählt auch gern von früher. Aber in ihren Geschichten geht es oft um Vertreibung und Flucht. Das kannte Marie vorher nur aus dem Geschichtsunterricht.

Manchmal fragt sich Marie, warum sie ausgerechnet ins Pflegeheim gegangen ist für ihr Soziales Jahr.  Ihre Freundinnen meinen, sie hätte sich auch „was lustigeres“ aussuchen können. Und ja, Marie findet es manchmal belastend: Dass die Menschen dort so sehr auf Hilfe angewiesen sind, und dass man ihnen ständig in die Privatsphäre trampelt.

Aber wenn sie mit Herrn Schmitz würfelt, oder Frau Pohl vom schönen Hans schwärmt. Und wenn Frau Jaron erzählt, wie sie als Kind zum ersten Mal Schokolade geschenkt bekommen hat, während sie genussvoll ihren Eiskaffee schlürft – dann ist Marie doch ganz froh, hier zu sein.

Diese Menschen sind für sie längst mehr als Versorgungsfälle. Jede und jeder von ihnen trägt ein ganzes Leben in sich. Jede und jeder von ihnen weiß so viel von der Liebe, vom Leid und vom Glück. Jede und jeder hat seine ganz eigene Art entwickelt, mit dem Leben umzugehen.

Im Reli-Unterricht hat Marie mal gelernt, dass man alte Menschen mit Respekt behandeln soll. Damals ging es darum, dass man ihnen im Bus einen Sitzplatz anbietet.

Heute steckt für Marie noch viel mehr dahinter. Die Ehrfurcht vor einem ganzen Leben in all seinen Facetten. Und die Freude an jedem guten Augenblick.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42528
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