SWR3 Gedanken

19JUL2025
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Nur eine halbe Stunde lang bin ich in dieser Ausstellung. Dann muss ich wieder raus, nichts wie raus in die Sonne und an die frische Luft.

Die Ausstellung heißt „Was ich anhatte“. Ich habe sie mir in Offenburg angesehen, in einer Beratungsstelle. Da waren in drei kleinen Räumen zwölf Kleidungsstücke oder ganze Outfits ausgestellt. Und zu jedem Kleidungsstück gab es persönliche Notizen. Zwölf Geschichten von Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Die Botschaft der Ausstellung ist eindeutig: Jetzt sprechen die Opfer. Sie sind stark, laut und vor allem: Sie sind nicht schuld.

Wie oft hab ich schon solche bescheuerten Sprüche gehört wie: „Der Rock war halt kurz, da muss sie sich nicht wundern.“ Was für ein Quatsch!

In der Ausstellung stehe ich vor dem weißen Sportshirt mit Schweißflecken und einer ausgeleierten Leggins von Joana, der es nach dem Training in der Sporthalle passiert ist. Und gleich daneben schaue ich mir den langen schwarzen Rock mit dem schlichten Pullover von Mireille an. Mireille hat dazu aufgeschrieben: „Es war nach der Betriebsfeier. Er war mein Kollege, so einer, den jeder mag.“

Und im Raum nebenan hängt ein geblümtes Sommerkleidchen über einem viel zu großen Kleiderbügel. Das Mädchen, das das Kleid getragen hat, heißt wie ich, Ruth.

„Was ich anhatte“: Das sind nur zwölf Kleidungsstücke mit zwölf Geschichten.

Ich habe es nicht geschafft sie alle zu lesen. Aber ich habe begriffen: Es ist völlig egal, was eine Frau anhatte. Sie ist nicht schuld. Schuld ist immer der Täter. Deswegen sind diejenigen ganz besonders stark, die allen Mut zusammen nehmen und nicht mehr länger schweigen. Die Hilfe holen. Sei es für sich selbst oder für jemand anderen.

 

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016, www.hilfetelefon.de

Männerhilfetelefon: 0800 1239900, www.maennerhilfetelefon.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42527
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