SWR Kultur Wort zum Tag
Ein Mann mittleren Alters fliegt von Frankfurt nach Kathmandu. Er beginnt, durch Nepal zu wandern – auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens. Nach einigen Tagen erreicht er ein buddhistisches Kloster und klopft an die Eingangspforte. Ein Mönch öffnet: „Sie wünschen?“ „Darf ich bitte einige Monate bei Ihnen mitleben? Ich bin auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens.“ Der Mönch antwortet: „Tut mir Leid – wir sind voll belegt.“ Aber der Mann bleibt hartnäckig: „Darf ich nicht wenigstens einige Tage bei Euch bleiben?“ „Nun gut, kommen Sie herein.“ – „Herzlichen Dank! Und was soll ich jetzt machen?“ „Stellen Sie Ihr Gepäck ab, nehmen Sie den Besen da drüben und fegen Sie uns den Hof.“ „Sehr gern – und dabei entdecke ich dann den Sinn meines Lebens?“ „Diese Frage kann ich nicht für Sie beantworten“, sagt der Mönch, „aber wir haben dann wenigstens einen sauberen Innenhof.“
Ich mag diese Geschichte, weil sie mich anregt, weiterzudenken. Was meint der Mönch, wenn er sagt: „Ich kann diese Frage nicht für Sie beantworten, aber nehmen Sie doch schon mal einen Besen in die Hand“ – Meint er: „Ach, Ihr Westler mit Euren Fragen nach dem Sinn des Lebens – das sind doch reine Luxusprobleme! Im Rest der Welt geht es erst einmal darum, überhaupt einen sauberen Innenhof zu haben – das braucht es wirklich im Leben!“
Die Antwort des Mönchs könnte aber auch bedeuten: „Ja, die Frage nach dem Sinn des Lebens haben wir alle. Aber eine Antwort erreicht uns oft ganz anders als Du denkst. Denn Du fragst nach dem Sinn Deines Lebens. Der Sinn Deines Lebens aber liegt im ‚wir‘. Und der Weg dahin geht nicht über weite Reisen oder langes Philosophieren. Der Weg dahin geht über die konkrete Tat. – Hier liegt ein Innenhof, voller Dreck. Und dort drüben steht ein Besen. Tu also das Naheliegende. Nimm den Besen, fege den Innenhof. So fängt es an. Dann haben wir alle einen Ort, an dem es wieder möglich, sich zu begegnen. So erleben wir gemeinsam den Sinn von unseren Leben.“
Ich selbst war noch nie in Kathmandu. Aber auch ich träume gelegentlich davon, in einer möglichst exotischen Ferne meinem Lebenssinn zu entdecken. Und ich philosophiere gern. Den Besen in der Ecke übersehe ich da manchmal. Aber vielleicht greife ich heute mal zu. Vielleicht schaffe ich es, mich mit jedem Besenschwung hineinzufegen in den Sinn unseres Lebens?
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