Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

17JUL2025
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Kaum hatte ich mich neben Frau Kurz gesetzt, beugt sie sich auch schon zu mir herüber und sagt freudestrahlend: „Endlich mal wieder nicht alleine essen“. Ich pflichte ihr bei. Drei Mal im Jahr veranstaltet die Kirchengemeinde, in der ich zu Gast war, ein gemeinsames Mittagessen für Senioren. Normalerweise bringt die Diakonie - ein Fahrdienst -Frau Kurz das Essen, und sie isst es zu Hause alleine in ihrer Küche. Ich war betroffen: Was für mich ganz selbstverständlich ist: mich zum Essen mit Freunden verabreden, zusammen kochen, in Gesellschaft sein, löst bei Frau Kurz solche Glücksgefühle aus! Ich bin dankbar, dass Ehrenamtliche in dieser Kirchengemeinde es immerhin dreimal im Jahr möglich machen, dass Menschen wie Frau Kurz bei einem guten Essen zusammenkommen.

Denn viele Menschen sind einsam – vielleicht war das schon immer so, aber gerade wird es zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem. Es sind nicht nur die betagten Menschen. Eine Freundin, Elsa, die eigentlich viele Freunde hat, war an Ostern dieses Jahr mehr oder weniger zufällig alleine. Eigentlich kein Problem, dachte sie, aber als sie beim Osterspaziergang die vielen Familien und Freunde in Gruppen draußen gesehen hat, hat sie sich doch ein bisschen einsam gefühlt. Dass war zum Glück schnell wieder weg, aber zeigt doch: Sich einsam zu fühlen, das geht auch mit einem großen Freundeskreis, mit Partnern und Kindern. Das Problem: Umso länger Menschen einsam sind, desto schwieriger kommen Sie aus der Einsamkeit wieder heraus. Das hat mir eine Kollegin, erzählt, die sich wissenschaftlich mit Einsamkeit beschäftigt. Sie hat aber auch gleich ein paar Lösungsvorschläge, was man gegen Einsamkeit machen kann.

 Das fängt in unseren Köpfen an. Da müsste sich festsetzen, dass Einsamkeit nichts damit zu tun hat, dass jemand ein unsympathischer oder komischer Mensch ist, sondern, dass wir alle betroffen sein könnten. Im Gesundheitssystem könnte man einführen, dass bei Routine-Hausarztuntersuchungen standardisiert abgefragt wird, ob Menschen sich einsam fühlen. Das nimmt die Hürde, dass man Einsamkeit von sich aus ansprechen muss. Und schließlich: Wir können die Augen offenhalten. Bei Menschen, von denen wir lange nichts mehr gehört haben, nachfragen. Eine Whatsapp-Nachricht schicken oder anrufen. Lieber einmal mehr als einmal weniger. Oder noch revolutionärer: Ich könnte mich ja mal mit Frau Kurz zum Essen verabreden. Und Elsa, die nehme ich auch gleich mit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42512
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