Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

10JUL2025
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Im Frühjahr hatte meine Mutter einen Schlaganfall und der verursachte eine halbseitige Lähmung. Es war das Szenario, vor dem sie sich immer gefürchtet hatte. Am dritten Tag im Krankenhaus war Chefarztvisite. Der Chefarzt fragte: „Wie geht es Ihnen?“ Sie sagte: „Ich will nach Hause.“

Ich biss mir auf die Lippe und wartete gespannt auf seine Antwort. Die fiel ganz anders aus als ich dachte. Er sagte: „Das ist sehr gut! Wirklich! Hauptsache, Sie wollen etwas.“ Er erklärte noch näher, was er damit meinte: „Der Großteil meiner Patientinnen und Patienten will gar nichts mehr und das ist ganz schlimm. Dann passiert auch nichts mehr. Heute und auch morgen können Sie noch nicht nach Hause. Es wird etwas dauern. Aber die Hauptsache ist: Sie wollen etwas!“

Seine Worte haben mich erstaunt und beeindruckt. Er tat ihren Wunsch nicht ab im Sinn eines Hirngespinstes, das jemand hat, der die eigene Lage offensichtlich völlig überschätzt oder falsch wahrnimmt. Schließlich war im Gehirn gerade einiges kaputtgegangen. Er nahm sie ernst und unterstützte sie. In den anschließenden Tagen und Wochen wurde mehr als deutlich, was er gemeint hatte. Es gab gute Tage mit positiven Entwicklungen, es gab schwere Tage, und es gab Tage, in denen alles auf der Kippe stand. Aber immer war da dieser Wille – auch der mal kräftiger, mal etwas angeschlagen. Mal zweifelnd, mal schimpfend, mal stolz, mal einfach guter Dinge. Aber er war immer da. Der Arzt hatte den Kern getroffen: Es braucht diesen entschlossenen Willen und ein klares Ziel. Ein Ziel, das sie für sich selbst bewahrt und das sie verteidigt – auch gegen Skepsis, Zweifel und Ängste anderer.

Inzwischen sind vier Monate vergangen. Krankenhaus, Kurzzeitpflege, Reha. Meine Mutter sagt immer: „Man geht abends gesund ins Bett und morgens ist die Welt eine ganz andere.“ Ja, das ist so. Und ich kann mich nicht wirklich auf alle Eventualitäten und Entwicklungen vorbereiten. Aber ein starker Wille kann offensichtlich ein Segen sein.

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