Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07JUL2025
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Ich habe einen besonderen Brunnen entdeckt. Er steht in der Nähe von Meran in Südtirol, da war ich vor kurzem im Urlaub. Eigentlich ist der Brunnen ein kleines Waschbecken. Sieben Wasserhähne sind im Kreis angeordnet, jeder Hahn hat ein Schild. Darauf stehen Begriffe, die Untugenden oder schlechte Eigenschaft bezeichnen: Zorn, Neid, Zweifel, Untreue, Eifersucht und Selbstsucht. Das siebte Schild ist leer, da kann jeder in Gedanken sein ganz persönliches Laster eintragen. Dieser besondere Brunnen hat einen Namen: „L’abbandono“ - „Loslassen“. Wer will, kann um das Waschbecken herumlaufen und seine Hände unter die Hähne halten. Dabei kann man sich erinnern, wo man neidisch war oder eifersüchtig, und symbolisch abwaschen, was verkehrt war. Seine Fehler einsehen und eben loslassen.

Die Begriffe auf den Schildern erinnern an die sieben Wurzelsünden. Todsünden hat man früher dazu gesagt. Sie heißen ganz ähnlich: Stolz und Neid, Zorn, Habsucht, Trägheit, Völlerei und Wollust. Wichtig ist dabei: Es geht nicht darum, Menschen zu verurteilen. Sondern es geht darum, sie aufzurütteln. Sie davor zu bewahren, dass es noch schlimmer kommt, wenn sie diesen Weg weiter gehen, wenn sie das Maß verlieren. Also zum Beispiel, wenn sie so neidisch sind, dass sie keinem anderen mehr etwas gönnen.

Ich stehe an diesem Loslass-Waschbecken und überlege: Unter welchen Hahn halt ich meine Hände? Ich mache es mir einfach und drehe eine ganze Runde. Kann ja nicht schaden, denke ich. Und dann bleibe ich doch länger stehen – beim leeren Schild. Ich weiß recht genau, was da bei mir draufsteht. Perfektionismus. Ich meine einfach zu oft, ich weiß und kann es besser und mische mich deshalb ein.

Diese innere Haltung kann ich natürlich nicht einfach so abwaschen. Aber ich kann mich selbst immer wieder an meine Schwäche erinnern. Und dabei hilft das Wasser. Wo Wasser im Christentum vorkommt, geht es um ein Zeichen. Wie bei der Taufe. Das Gute steckt schon in mir. Und: Ich kann es noch besser machen.

Jetzt halte ich meine Hände doch noch eine Weile unter den Hahn mit dem leeren Schild und lasse Wasser darüber laufen. Gleichzeitig hebe ich den Kopf und schaue um mich herum und nach oben: Ich nehme erst jetzt richtig wahr, dass da überall große gelbe Scheiben sind. Dieser Brunnen ist ein Kunstobjekt und die gelben Scheiben stehen für einen ganzen Strauß Sonnenblumen. Und damit für das Licht und die Lebensfreude. Inmitten aller Laster.

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