Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Dieser Vierzeiler hat mich aufhorchen lassen: „Halt an, wo läufst Du hin? Der Himmel ist in dir! Suchst Du Gott anderswo, Du fehlst ihn für und für.“
Die Sprache klingt zwar ein wenig altertümlich. Die Aussage aber ist verblüffend modern! Ich fühle mich direkt angesprochen. Wie oft bin ich rastlos und hektisch unterwegs. Nicht nur in den alltäglichen Dingen, die ich erledigen muss. Auch in meinen Gedanken. Da ist immer wieder das Gefühl des Getriebenseins. Und da kommt jemand und sagt mir: Halt an! Nimm dir Zeit. Komm´ zur Ruhe. Dann wirst Du entdecken: In dir ist der Himmel. Gottes Gegenwart musst Du nirgendwo anders suchen.
Der Mann, der mir das rät, heißt Johann Scheffler. Er lebte im 17. Jahrhundert. Seine Zeit war noch chaotischer und zerrissener als unsere. Damals tobte der Dreißigjährige Krieg in Deutschland. Katholiken und Protestanten bekämpften einander bis aufs Blut. Über Jahre ist Scheffler der Leibarzt eines streng lutherischen Herzogs in Schlesien. Dann aber fällt er wegen seiner Gedichte in Ungnade. In ihnen sucht er Gott im Herzen der Menschen und nicht in trockenen Glaubenssätzen. Für den evangelischen Hofprediger ist der Medicus ein ketzerischer „Schwarmgeist“.
Und so wechselt der Dichter die Konfession und wird katholischer Priester. Fortan nennt er sich Angelus Silesius, der „Engel aus Schlesien“. Und als solcher schreibt er weiter frische, gefühlvolle Texte. Einige werden zu Kirchenliedern, die heute in ökumenischer Eintracht von Katholiken und Protestanten gleichermaßen gesungen werden. So zum Beispiel: „Morgenstern der finstern Nacht“, „Ich will dich lieben, meine Stärke“ oder „Mir nach, spricht Christus, unser Held“. Heute vor genau 348 Jahren ist Angelus Silesius in Breslau gestorben.
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