Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

08JUL2025
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Vor über 30 Jahren war ich das erste Mal in London. Damals stand dort noch das altehrwürdige Wembleystadion. Das wollte ich unbedingt besuchen. Auch wenn kein Spiel anstand. Die Weltmeisterschaft 1966 war meine erste, die ich als Kind im Fernsehen gesehen hatte. Natürlich auch das Finale in Wembley: England gegen Deutschland. Die Fußballfans wissen schon, das mit dem „dritten Tor“. Also nahm ich an einer Führung teil. Der Guide zeigte unserer kleinen Gruppe die historischen Umkleidekabinen, den Spielertunnel und die köngliche Loge. Zuletzt spazierten wir über den „heiligen“ Rasen. Nostalgie pur.

Zur Besuchergruppe gehörte ein Ehepaar aus Ostdeutschland. Die beiden hatten mich gebeten, immer ein wenig zu übersetzen, weil sie kein Englisch verstanden. Am Ende der Tour blieb der Ehemann zurück. Ich sah, wie er auf dem Rasen kauerte. War ihm schlecht geworden? Ich wollte zu ihm, aber seine Frau hielt mich zurück. Dann nahm sie mich zur Seite. „Das ist ein ganz wichtiger Tag für meinen Mann“, sagte sie. Sie erklärte mir, warum. Damals, ´66, war er bei der NVA, der DDR-Armee. Am Tag des Finales, einem Sonntag, hatte er Dienst. Den Soldaten war es streng verboten, das Spiel zu sehen. Trotzdem hatten ein paar von ihnen einen kleinen Fernseher organisiert. Doch sie wurden erwischt und mit Arrest bestraft.

„Mein Mann hat das nicht vergessen können. Deshalb musste er nach London und in dieses Stadion. Jetzt kann er damit abschließen.“ Kurz darauf kam er vom Rasen zu uns zurück. Noch mit Tränen in den Augen. Aber auch mit einem Lächeln.

Für mich war Wembley nur eine harmlose Kindheitserinnerung. Für den Mann aus der ehemaligen DDR aber ein Sehnsuchtsort. Wir alle brauchen solche Orte, an denen sich unser Leben verdichten kann. Egal, ob es eine Kirche ist, ein traumhafter Platz in der Natur oder eben auch ein Fußballstadion.

 

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