Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Er war einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer und Holzschnitzer: Tilman Riemenschneider. 1531 ist er gestorben. Heute ist sein Todestag.Es sind vor allem die Geschichten des Neuen Testaments, die seine Arbeiten bestimmen. Riemenschneider schnitzt seine Figuren aus Lindenholz. Er verzichtet darauf, sie farblich zu fassen. So wirken seine biblischen Gestalten lebensnah und ausdrucksstark. Zugleich strahlen sie eine große Ruhe aus, scheinen ganz in sich gekehrt zu sein. Das macht Riemenschneiders Kunst so unverwechselbar.
Eines seiner größten Werke steht in der Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber. Es ist der Heiligblutaltar, der um 1500 entstand. In ihm setzt sich der Meister mit der Leidensgeschichte Jesu auseinander. Im Zentrum steht dabei das letzte Abendmahl. Doch Riemenschneider rückt nicht Jesus in den Mittelpunkt, sondern ausgerechnet Judas Iskarioth, der den Messias verraten wird. Das ist ungewöhnlich. Denn die Künstler des Mittelalters verbannen Judas als Außenseiter meist an den Rand des Geschehens. Hier aber ist es Judas, der die Blicke der Betrachter auf sich zieht. Nachdenklich wendet er sich Jesus zu. Der reicht ihm das Brot, das er zuvor in den Kelch getaucht hat. Dass sich beide sehr nahe sind, zeigt Riemenschneider auch dadurch, dass ihre Gesichtszüge einander ähneln. Hat also nicht auch Judas Anteil an der Heilsgeschichte, weil erst sein Verrat die Erlösung durch Tod und Auferstehung Jesu möglich macht?
Diese Frage hat Tilman Riemenschneider wohl sehr beschäftigt. Das Leben des Künstlers endet tragisch. Im Bauernkrieg stellt er sich als Würzburger Stadtrat auf die Seite der Aufständischen. Nach der Niederlage der Bauern wird Riemenschneider eingekerkert und gefoltert. Ob man ihm dabei auch seine Hände brach, bleibt ungewiss. Sicher aber ist, dass Riemenschneider nach dem Bauernkrieg bis zu seinem Tod sechs Jahre später kein einziges Werk mehr geschaffen hat.
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