SWR3 Gedanken

11JUL2025
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Ich habe eine uralte Freundin. Also im wahrsten Sinne des Wortes: Annelise ist über 90! Wir haben uns vor ca. 15 Jahren im Elsass kennengelernt und es war Freundschaft auf den ersten Blick! Ich war junge Pfarrerin in einem Bergdorf in den Vogesen, sie war Organistin im Nachbardorf. Abends, wenn ich mit dem Hund eine letzte Runde gegangen bin, gab es bei Annelise noch einen tisane, also einen Abendtee, oder einen selbstaufgesetzten Brombeerschnaps.

Was mich an Annelise fasziniert? Ihre Geschichte und ihre Art.

Ihr Bruder wanderte nach Amerika aus, ihre Schwester heiratete und Annelise? Sie sollte zuhause bleiben, ihren alternden Eltern helfen. Sie hat das anders gesehen. Sie setzte sich durch und übernahm den kleinen Kiosk des Dorfes, verkaufte fortan Zeitungen, Kaffee und Zigaretten. Zuhause sprach man Elsässisch. Als das Elsass französisch wurde, lernte sie Französisch. Als ihr Bruder eine Amerikanerin heiratete, lernte sie Englisch. Da es einige italienische Gastarbeiter im Dorf gab, die bei ihr Kaffee und Zigaretten kauften, lernte sie Italienisch. Von den deutschen Touristen lernte sie Deutsch. Annelise will alles wissen: wie es sich in den USA lebt; hört sich die Heimatgeschichten der Italiener an; fragt die deutschen Touristen nach Deutschland aus.

Wenn man Annelise etwas erzählt, sagt sie: Ja, pourquoi pas? warum nicht? Und das ist es, was Annelise ausmacht: ihre immense Neugier auf die Welt und ihre Offenheit allem und jedem gegenüber.

Was ist wichtig im Leben, frage ich sie. „Gemeinsam essen und trinken, miteinander reden“, kommt ihre Antwort. So einfach? Ja, warum nicht?

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