SWR4 Abendgedanken
Allein sein kann richtig schön sein. Ich persönlich genieße ab und an die Stille, die Ruhe im Haus, wenn die Kinder nicht da sind und das Telefon schweigt. Wenn niemand etwas von mir will. Aber ich weiß: Dieser Zustand wird nicht lange dauern. Meine Freundin kommt bald nach Hause, die Kinder ebenso. Für diese kurzen, überschaubaren Momente genieße ich also das Alleinsein.
Anders Hilda. Sie ist 83, und vor einigen Jahren ist ihr Ehemann gestorben. Seitdem ist sie viel allein. So viele Jahre haben ihr Mann und sie das Leben geteilt, alles miteinander gemacht. Seit seinem Tod ist das Haus leer, still. Die Kinder und Enkel kommen zwar regelmäßig vorbei und Hilda genießt diese lebendigen, lauten und wuseligen Momente. Danach ist die Stille jedoch noch stiller als zuvor.
Deswegen geht Hilda regelmäßig unter Leute. Immer, wenn im Dorf eine Veranstaltung ist, ist sie dort anzutreffen. Sie sagt: „Dann habe ich Gesellschaft, ich habe jemanden zum Reden, ich erfahre die neuesten Neuigkeiten.“ Sie lacht: „Alleine habe ich viel weniger Appetit, aber in der geselligen Runde, da schmeckt es mir wieder.“
Ich bewundere Hilda für die Art und Weise, wie sie mit ihrer Einsamkeit umgeht. Sie resigniert nicht, sondern sie geht raus. Lässt sich nicht aufs Alleinsein festlegen. Das kostet Kraft. Aber es lohnt sich.
Einsamkeit betrifft mehr Menschen als ich mir selbst vorstellen kann. Von Jugendlichen weiß ich: Einsam sind nicht nur ältere Menschen, sondern auch jüngere. Denn Freundschaften in sozialen Netzwerken ersetzen oft nicht den richtigen Kontakt und eine wirkliche Begegnung.
Wir Menschen brauchen einander. So empfinde ich das. Mal alleine sein, das kann erholsam sein, aber einsam zu sein, macht traurig.
„Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei“ – so heißt es schon im biblischen Schöpfungsbericht. Gott selbst stellt das fest und hat dem ersten Menschen deshalb ein Gegenüber geschaffen. Adam und Eva nennt er die ersten Menschen. Sie konnten in Beziehung treten, miteinander reden, etwas unternehmen, sich zuhören, sich umarmen, füreinander da sein.
So freut es mich zu sehen, dass es an vielen Orten immer mehr Initiativen und Angebote gibt, um Menschen aus ihrer Einsamkeit zu holen. Hier in unserem Dorf gibt es für ältere Menschen den Seniorentreff mit Kaffee und Kuchen und einem schönen Programm, damit das Gesellige nicht zu kurz kommt. Damit möglichst viele wie Hilda den Segen einer Gemeinschaft spüren können.
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