SWR4 Abendgedanken
„Sabine, du schuldest mir noch eine Tasse Kaffee!“ – So hat eine Freundin mich augenzwinkernd an ein Versprechen erinnert. Stimmt, als Dankeschön für ihre Hilfe beim Aufräumen des Gemeinderaums hatte ich ihr eine Einladung zum Kaffee versprochen.
Das war eine Schuld, die ich gerne beglichen habe. Wir haben uns getroffen, miteinander Kaffee getrunken und erzählt. Es war schön.
„Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ – so beten Christinnen und Christen regelmäßig im Gottesdienst. Es ist eine Bitte aus dem Vaterunser, dem Gebet, das auf Jesus zurückgeht und das in der Bibel überliefert ist.
Diese Bitte wirft ein ganz anderes Licht auf meine Schuld und auf die Menschen, die mir etwas schuldig geblieben sind. Da geht es nicht um Geld oder um nicht eingelöste Versprechen, sondern um Menschen, die ich verletzt habe mit Worten oder Taten oder denen ich Unrecht getan habe.
Ich verstehe diese Vater-unser-Bitte so: Es geht hier darum, Schulden einander nicht länger vorzuhalten. Also zu vergeben. Auch wenn das nicht immer einfach ist. Einen Kaffee zu bezahlen, ist leicht. Aber wirklich zu verzeihen, das fordert mich ganz anders heraus.
„Es tut mir leid, Sabine, bitte verzeih mir!“ Darum hat mich ein Bekannter gebeten, der mit unschönen Worten seinen Frust an mir abgelassen, mich damit gekränkt und verletzt hatte. „Ist okay, vergiss es einfach“, habe ich gesagt, aber gemerkt, dass es noch lange in mir genagt hat. Aber wenn ich verzeihe, vergebe, so muss ich auch den Fehler wirklich loslassen.
Wenn mich jemand darum bittet, zu vergeben, so kann ich diese Bitte erfüllen. Weil Gott auch mir meine Fehler vergibt. Weil ich selbst erfahre, wie gut es tut, wenn mir jemand nicht immer wieder meine Fehler, meine Fehltritte, meine Schwächen vor Augen führt.
„Sabine, du schuldest mir noch einen Kaffee“ – diese Schuld zu begleichen war einfach. Meine Freundin hat mir sofort verziehen, dass es so lange gedauert hat, bis ich meine Schuld beglichen habe. Mir wurde danach leichter ums Herz.
Ich hoffe, dass auch meinem Bekannten ein Stein vom Herzen gefallen ist, als ich seine Entschuldigung angenommen, ihn sozusagen entschuldet habe.
Vergeben und verzeihen, sich entschuldigen und die Entschuldigung anzunehmen, sind nötig und wichtig für einen Neuanfang. Daran erinnert mich die Vater-unser-Bitte.
Ich glaube, wenn wir einander vergeben, dann gehen wir beschwingt und leichter durch das Leben.
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