SWR4 Sonntagsgedanken

06JUL2025
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Ein Hund wird von zwei anderen Hunden totgebissen. Ein kleiner Hund von zwei großen. Sie sind ihm in jeder Hinsicht überlegen. Es dauert nur ein paar Augenblicke, er hat keine Chance. Der kleine Hund gehört einem Mann, den ich ganz gut kenne und der mir davon erzählt. Er ist sehr traurig, immer noch ein Stück weit fassungslos. Denn er war dabei, musste das mit ansehen und konnte dann nur noch feststellen, dass sein Kleiner tot ist. Furchtbar! Ich habe selbst Hunde und kann mich deshalb einigermaßen in ihn einfühlen. Obwohl: vorstellen will ich mir das lieber nicht.  

Was ist da passiert? Und weshalb? Einen Grund scheint es nicht gegeben zu haben, dass da plötzlich so eine Aggression entsteht. Und überhaupt: Totbeißen? Ich weiß schon, dass Hunde auch mal härter zur Sache gehen. Mein Kuno ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen, wenn ein anderer ihn angeknurrt hat. Aber ich war immer dabei und konnte verhindern, dass je Schlimmeres passiert wäre. Was schließlich meine Aufgabe als Hundehalter ist. Und was offenbar bei meinem Bekannten nicht der Fall war.

Für mich stellt sich die Frage aber noch grundsätzlicher: Was passiert denn da überhaupt, wenn ein Geschöpf auf ein anderes losgeht? Weshalb ist das so? Im weitesten Sinn hat das wohl etwas mit dem Überlebenstrieb zu tun, der zu unserer Welt gehört. Und offenbar gehört es so auch zu Gottes Plan mit der Welt, die er geschaffen hat. Wenn’s drum geht, Nahrung zu beschaffen, und die knapp ist, überlebt der Stärkere. Fortpflanzen darf sich das Alpha-Männchen mit dem Alpha-Weibchen. Die anderen haben erstmal das Nachsehen.

So weit, so klar. Aber jetzt kommt’s: Warum ist es bei uns Menschen oft genauso? Obwohl wir doch einen Verstand haben und nicht nur von unseren Trieben gesteuert werden; einen Verstand, der uns hilft, Gut und Böse zu unterscheiden. Obwohl unser Gewissen sich regt, wenn wir sehen, dass einem anderen Leid zugefügt wird. Obwohl Christen und andere wissen, dass es falsch, ja verboten ist, zuerst und nur an sich selbst zu denken. Geschweige denn zu töten.

Der Mensch ist ein Vernunft-Wesen. Aber wie weit es damit her ist, das sehen wir, wenn wir in die Ukraine schauen, wo ein Großer – Russland – einen Kleinen totzubeißen versucht. Wenn ich sehe, wo überall Menschen Gewalt angetan wird; wenn eine Regierung auf die eigenen Leute losgeht; oder wenn ich daran denke, wie wenig es uns kümmert, dass wir das Klima der Erde blind zerstören, … dann muss ich mich schon fragen, ob wir den Verstand verloren haben.

Das zu erkennen, ist bitter und es tut mir weh. Aber es nicht alles. Der Mensch ist mehr, er kann anders.

 

Es ist erschreckend, wie wenig sich der Mensch manchmal vom Tier unterscheidet. Manchmal frage ich mich sogar, ob Tiere alles in allem nicht freundlicher und friedlicher miteinander umgehen als wir. Aber dann gibt es da eben auch anderes. Gottlob!

Als mein Bekannter mir von der tödlichen Beißattacke gegen seinen Hund erzählt, bleibt er nicht dabeistehen. Er erzählt mir auch davon, wie freundlich die Menschen waren, mit denen er dann in diesem Zusammenhang zu tun hatte. Eine Passantin bietet ihm sofort Hilfe an und zeigt großes Mitgefühl. Die Tierärztin, die den Tod feststellt, gibt seiner Frau und ihm im Anschluss ein eigenes Zimmer, damit sie in Ruhe weinen und Abschied nehmen können. Und sie stellt den Kontakt zum Tierkrematorium her, weil das Ganze auf einer Auslandsreise passiert ist, und sie die sterblichen Überreste ja nur so mit nach Hause nehmen können. Es ist nicht zu überhören, wie gut das alles tut, gerade in so einer Situation. Wie sehr es tröstet, wenn Menschen das tun, was wir normalerweise mit dem Attribut „menschlich“ verbinden: auf andere achtzugeben, sie zu unterstützen, sich zu sorgen, zu helfen.

Es mag schon sein, dass in manchen Menschen vom guten Kern, der in ihnen angelegt ist, nicht mehr viel übrigbleibt. Und trotzdem gibt es sogar im schlimmsten Unglück fast immer auch Gutes. Es ist mir wichtig, das herauszustellen. Gerade in Zeiten, die wir als schwierig erleben. Es ist mir auch deshalb wichtig, weil das ein Charakterzug ist, der von Jesus in den Evangelien überliefert ist. Ich fasse es schlicht so zusammen: Jesus glaubt an das Gute im Menschen. Daran hält er sogar fest, als er zwischen zwei Verbrechern am Kreuz hängt. Er sieht die Chance, dass sogar daraus noch etwas Gutes werden kann. Wenn der Mensch will, dann kann er.

Es scheint mir wichtiger denn je zu sein, das Gute nicht zu übersehen und dem, was böse, gar tödlich ist, das Positive entgegenzuhalten. Ich weiß von etlichen Freunden, dass sie keine Nachrichten mehr anschauen und in der Zeitung die schlimmen Meldungen überblättern. Ich halte es gerade noch aus. Aber für meine Seelenhygiene ist dann auch wichtig, dass ich mir Bilder von dem einpräge, was ich an Gutem erlebe. Daran halte ich mich fest, um nicht niedergeschlagen oder gar verzweifelt zu sein. Ich trage das Bild in mir, wie sehr mein Hund sich freut, wenn ich heimkomme. Das Bild von der Tochter, die sich geduldig um ihre Mutter kümmert, weil sie nicht mehr alles versteht. Das Bild von dem Straßenbahnfahrer (aus Karlsruhe), der sofort anhält und hilft, als er sieht, wie ein Auto neben den Gleisen in den Graben fährt.

Ich glaube auch an das Gute im Menschen. Und ich weiß, dass ich wach bleiben muss, um es nicht zu übersehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42475
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