SWR4 Abendgedanken

04JUL2025
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Freitag, kurz nach sieben in der Straßenbahn. Ich sitze hier auf dem Weg zur Arbeit. Die meisten haben Kopfhörer in den Ohren oder starren aufs Handy. Ich bin noch nicht richtig wach, aber immerhin habe ich einen Sitzplatz bekommen.

Gegenüber sitzt jemand, der einen speziellen Anhänger an der Tasche hat. Ein kleines Ulrichskreuz. Es ist dunkel gehalten und mit vergoldeten Elementen. Eine kleine Darstellung Jesu und rechts und links die Köpfe vom Heiligen Ulrich auf der einen und von der Heiligen Afra auf der anderen Seite. Nicht groß, nicht auffällig. Aber ich erkenne das Motiv sofort. Ich muss schmunzeln. Der heilige Ulrich in der Straßenbahn – das hat was.

Ulrich ist Bischof von Augsburg gewesen – vor über tausend Jahren. Es sind schwierige Zeiten gewesen. Die Stadt ist bedroht worden und die Leute sind verunsichert gewesen. Und er? Er ist dageblieben. Und nicht geflohen. Er stand ihnen bei, war mutig und klar, aber auch barmherzig. Ulrich war kein Held aus dem Bilderbuch, aber er war ein Mann mit Rückgrat, einer, der Verantwortung übernommen hat, weil er sich für seine Mitmenschen verantwortlich fühlte. Das beeindruckt mich bis heute. Nicht nur im Rückblick auf die Geschichte, sondern gerade auch im Alltag.

Denn genau das fehlt mir heute manchmal: Menschen, die stehen bleiben, wenn andere weglaufen. Leute, die Haltung zeigen für eine offene Welt und eine offene Kirche, in der jede und jeder einen Platz hat – ohne auszugrenzen, ohne in Kategorien einzuteilen, ohne andere und ihre Art katholisch zu sein abzuwerten. Eben auszuhalten, dass es verschiedene Meinungen zu einem Thema gibt und vielleicht auch manchmal beide Seiten gute Argumente für ihre Haltung haben. Mir fehlen manchmal Menschen, die ruhig bleiben können, wenn es eng wird und die Stimmung in der Diskussion angespannt ist. Leute, die vermitteln können und nicht dafür sorgen, dass sich Fronten bilden und vielleicht sogar verhärten. Die auf andere zugehen können und Brücken bauen. Zwischen verschiedenen Standpunkten und Lagern.

Heute ist Ulrichstag – kein Feiertag für die breite Masse. Aber vielleicht genau deshalb ein guter Moment, sich an das zu erinnern, was im Hintergrund Kraft gibt.

Ich steige zwei Stationen später aus. Ich nehme den Heiligen Ulrich aber in Gedanken mit. Und mir nehme ich vor: Einer zu werden wie er. Dass ich da bin, wo ich gebraucht werde, Brücken baue, wo sie verschüttet sind und Haltung zeige, ohne andere vor den Kopf zu stoßen.

Ulrich erinnert mich daran, dass Mut im Alltag beginnt. Und dass es gut ist, wenn wir einander im Blick behalten.

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