Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
„Ah, Sie sind der Klinikseelsorger. Was genau machen Sie da eigentlich, was ist Ihre Aufgabe?“
Im Krankenhaus, wo ich arbeite, fragen mich das immer wieder Leute – Patienten, Angehörige oder auch mal Mitarbeitende. Von außen ist es gar nicht so einfach einzuordnen, was ich tue. Und tatsächlich bin ich auch ein Spezialfall im Krankenhaussystem. Ich bin auf den Stationen unterwegs und in den Krankenzimmern, so wie viele andere auch. Ich bringe mich in die Behandlungs- und Heilungsprozesse mit ein. Aber ich gehöre nicht zum medizinischen Team der Ärztinnen oder Pfleger oder Physiotherapeutinnen. Klinikseelsorge, das ist nochmal etwas anderes.
Beim Versuch, das noch genauer zu beschreiben, bin ich auf Momo gestoßen. Momo ist das Mädchen aus Michael Endes gleichnamigem Roman. Sie hat einen dunklen Lockenkopf, pechschwarze Augen, läuft meistens barfuß und trägt alte Kleidung. Vor allem aber heißt es von ihr: „Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. […] [S]ie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. […] Sie konnte so zuhören, daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten, was sie wollten. Oder daß Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder daß Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.“ [Ende, Michael, Momo. Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte, Stuttgart 1973, 15f.]
Weil Momo Zeit hat und zuhört, finden Menschen einen neuen persönlichen Weg. Für mich ist das ein gutes Bild, wie ich versuche, meine Arbeit als Klinikseelsorger zu machen. Ich bin sicher, dass Menschen dort, wo ihnen jemand wirklich zuhört und sie zu verstehen versucht, weiterkommen. Menschen spüren ganz gut, was sie gerade brauchen und wie sie den nächsten Schritt gehen können – wenn jemand anderes sich für sie Zeit nimmt, ganz da ist und zuhört. Und da ist die kleine Momo aus dem Buch ein eindrückliches Vorbild für mich.
„Was genau machen Sie als Klinikseelsorger?“ Wenn Leute mich das fragen, antworte ich jetzt manchmal: „Ich habe Zeit – und bin ganz Ohr.“ Und hoffentlich gelingt mir das auch immer wieder. Damit Menschen weiterkommen und ihren persönlichen Weg finden. Im Krankenhaus – und überhaupt.
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