SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

22JUN2025
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„Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen und dass sie dich auf ihren Händen tragen.“ Wenn ich diesen Vers aus Psalm 91 (11) in der Vertonung von Felix Mendelsohn-Bartholdy höre, treibt es mir jedes mal die Tränen in die Augen. Ein frommer jüdischer Beter muss wunderbar erfahren haben, wie Gottes Engel ihn beschützten.

Im Unterschied zu den drei Bauarbeitern an der Horber Hochbrücke, die vor einigen Wochen in den Tod gestürzt sind. Mit lautem Knall war das Seil ihrer Fahr-Kabine gerissen. Entsetzlich: Die drei werden wohl noch in den letzten Sekunden realisiert haben, was geschah, ehe sie am Boden zerschellten. Nirgendwo ein rettender Engel, der sie mit sanften Schwingen aufgefangen hätte.

Fast achtzig überwiegend polnische Kollegen waren Tage danach der Einladung der Betriebsseelsorge gefolgt und hatten sich nach Feierabend im Schatten eines Brücken-Segments zu einem Gedenkgottesdienst versammelt. Ich lese ihren Schmerz aus den bedrückten Gesichtern. Einige kämpfen mit den Tränen, und alle  entzünden ein Licht im Gedenken an die verunglückten Kollegen und ihre Angehörigen. Mit brüchigen Stimmen singen wir ein paar österliche Lieder und suchen Trost und Halt im stammelnden Gebet.

Als Betriebs- und noch mehr als Notfallseelsorger hat es mich immer wieder in den plötzlichen, oft brutalen Tod unschuldiger Menschen hineingerissen. Ich war jedes  mal selbst wie geschockt. Auch ich habe Gott gezürnt, ehe ich mich den weinenden Menschen zuwenden konnte. Meine eigenen Tränen waren ihnen oft mehr Trost als meine hilflosen Worte. In solchen Stunden wiegt am meisten die Nähe – einfach da sein, eine Hand halten oder sich umarmen.

Ereignisse wie diese erschüttern auch immer wieder meinen eigenen Glauben. Oft schon haben mich dann die Worte des evangelischen Pfarrers und Poeten Arno Pötzsch aufgefangen, der in zwei Weltkriegen Schreckliches erlebt hat und doch unerschütterlich daran festhielt, dass wir „nicht tiefer fallen können als in Gottes Hand“.

Nun hoffe und bete ich darum, dass auch diese drei von der Brücke nicht tiefer gefallen sind als hinein in Gottes Güte und sein Erbarmen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42395
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