SWR Kultur Wort zum Tag

24JUN2025
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Bei jungen Menschen ist er wieder in Mode gekommen – der Kniefall. Jedenfalls wenn es ums Heiraten geht. Wer der Angebeteten oder dem Angebeteten einen Antrag macht, geht vor ihm oder ihr auf die Knie. Das gehört, jedenfalls für die meisten, einfach dazu.

Ich meine: Es gibt Situationen, die erfordern einfach einen Kniefall! Willy Brandt hat das gespürt und damit die Welt berührt, das war im Jahr 1970 in Warschau. Sein Kniefall als demütige Geste vor den Opfern des Nazi-Regimes, nach der Kranzniederlegung vor dem Warschauer Ghetto, hat viel bewirkt. Das Bild des knieenden Bundeskanzlers ging um die Welt. Das angespannte Verhältnis zu Polen konnte sich danach verändern, eine vorsichtige Öffnung wurde möglich. „Ich hatte das Gefühl, Stehen reicht nicht“, hat Willy Brandt später gesagt. Das war auch die Stärke dieser Geste. Sie hatte nichts Kalkuliertes an sich. Sie war echt.

Wenn etwas wirklich wichtig ist, geht ein Mensch auf die Knie. Als Zeichen der Demut. Als Zeichen der Angewiesenheit auf den anderen. Eine Liebe hat man nicht in der Hand - genauso wenig wie das eigene Leben oder die Vergebungsbereitschaft anderer Menschen. Da gibt es keine Garantien. Heinrich von Kleist hat sein Drama Penthesilea dem von ihm überaus verehrten Goethe auf den „Knien seines Herzens“ überreicht, so hat er es in seinem Begleitbrief geschrieben. Doch das Herz des Dichterfürsten blieb hart. Da konnte Kleist auf den Knien seines Herzens liegen so lange er wollte. Nicht jeder Antrag wird mit einem Ja beantwortet.

Mag sein, es erscheint altmodisch, sich Gott auf Knien anzuvertrauen. Bei evangelischen Christenmenschen ist es auch eher unüblich. Doch ich brauche immer wieder auch diese körperliche Erfahrung, vor allem, wenn mir etwas wirklich am Herzen liegt. Mit einer Mischung aus Demut und Hoffnung gehe ich vor Gott auf die Knie. Oft genug auch aus Dankbarkeit. Es gibt Tage im Leben, die sind einfach zum Niederknien schön, besonders, einzigartig. Wenn ich eine Krankheit überstanden habe. Wenn mir ein Mensch seine Liebe schenkt. Mir tut das gut – noch jedenfalls machen die Gelenke mit. Doch wenn meine Gelenke nicht mehr mitspielen, dann tue ich es halt auf den Knien meines Herzens. Und Gott wird, hoffentlich, gnädiger sein als Goethe.

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