SWR Kultur Wort zum Tag
Ich miste gerne aus. Kleider, die mir schon lange nicht mehr passen, unvollständige Spiele, ausgelesene Krimis und nie wirklich getragene Schuhe. Sie verstopften das Haus. Ich mag es, Dinge auszusortieren, es hilft mir, den Kopf zu klären. Ich nehme jedes Teil in die Hand und wäge ab: Was brauche ich, was ist überflüssig und kann zum Flohmarkt oder auf den Müll?
Man kann aber auch Nicht-Materielles aussortieren. Es spricht für die eigene Beweglichkeit, auch innerlich ab und an einiges auf den Müll der eigenen Geschichte zu werfen, wenn man nicht wie in einem Museum seiner selbst leben will.
Da könnte es naheliegen, auch den eigenen Glauben auszusortieren, zumal, wenn er unbequem geworden ist wie ein zu enges Kleidungsstück. Ich kann mich noch gut an eine Zeit meines Lebens erinnern, in der ich mit meinem Glauben schon an der Sperrmüllstation angekommen war, ja, ihn dort schon abgegeben hatte. Ich war der Ansicht, dass ich aus meinem Kinderglauben herausgewachsen sei. Erst kam ich mir richtig befreit vor, aber dann drehte sich das Gefühl. Ich habe gemerkt, dass mir etwas Entscheidendes im Leben fehlt. Ich habe gespürt, dass ich ohne meinen Glauben nicht gut leben kann und will. Ich habe dann lange gesucht. Und glücklicherweise konnte ich ihn wiederfinden. Er hatte sich verändert, aber er war doch mein Glaube geblieben. Ich habe gemerkt, dass er auch der erwachsenen Frau passt. Heute weiß ich, dass dieser Glaube das Kostbarste ist, was ich habe.
Im Rückblick muss ich selbstkritisch sagen: Es war zunächst auch bequemer, so ohne meinen Glauben. Ich musste anderen Leuten nicht mehr erklären, warum mir diese Geschichte mit Gott denn so wichtig ist. Immerhin: Auch in der Bibel wird von Menschen erzählt, die es lieber bequem gehabt hätten. Die meisten Menschen, die sich von Gott angesprochen fühlten, hatten Ausreden parat: Ich bin zu jung, kann nicht gut vor anderen Leuten sprechen, habe gerade andere Pläne… Doch Gott ist hartnäckig geblieben.
Es ist gar nicht so einfach, den Glauben wiederzufinden, wenn er erst einmal auf der Müllhalde entsorgter Denk- und Glaubensmodelle liegt. Trotzdem plädiere ich dafür, den Glauben immer wieder kritisch in die Hand zu nehmen und abzuwägen: Brauche ich ihn noch? Ist er mir wertvoll? Möglicherweise merke ich erst beim Abstauben für den Flohmarktverkauf, dass er einen eigenen neuen Glanz für mich gewinnen kann und will.
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