Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Die ersten Christinnen und Christen vor zweitausend Jahren in Jerusalem waren verrückt. Total durchgeknallt. Heute erklären uns alle, dass wir uns bitteschön um unsere Altersvorsorge kümmern müssen. Und, wo immer es geht, noch zusätzlich etwas zurücklegen, damit es im Alter reicht. Nach der Devise: Es muss halt jeder auch selbst schauen, wo er bleibt. In der ersten Christengemeinde war das komplett anders. Die Bibel erzählt: Alle waren damals „ein Herz und eine Seele“. Da passte kein Blatt Papier dazwischen. Und das meinten sie nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch: Ihr gesamtes Hab und Gut soll allen zusammen gehören. „Liebeskommunismus“ wird das genannt, weil aus Liebe der Besitz vollständig geteilt wird.
Ehrlich gesagt, das bekomme ich nicht hin. Aber gleichzeitig geht mir dieses alternative Wirtschaftssystem nicht aus dem Sinn. Denn diese Liebe hat Folgen: Keiner muss hungern, keiner steht ohne Dach über dem Kopf da oder trägt kaputte Kleidung. Das Vermögen der einen gleicht den Mangel der anderen aus. Statt an sich und an ihre Zukunft zu denken, machen die Reichen ihren Grundbesitz oder ihre Immobilien bedenkenlos zu Geld, das sie der Gemeinde zur Verfügung stellen. Mit den Verkaufserlösen finanziert die Gemeinde dann die Unterstützung der Armen. Wie gesagt, völlig verrückt – kein Bewusstsein, dass man auch an sich denken muss. Stattdessen bekommt jeder zugeteilt, was er nötig hat.
Und dann ist da noch das Beispiel eines Mannes namens Josef: Er hat einen Acker, den er verkauft zum Besten der Gemeinde. Und weil danach kein Besitz mehr da ist, um den er sich kümmern muss, wird er stattdessen Missionar. Barnabas wird er deshalb genannt, Sohn des Trostes. Denn es ist tröstlich, wenn ein Mensch an die anderen denkt.
Zur Wahrheit über die ersten Christen gehört aber auch: Schon damals wollen nicht alle mitmachen. Miteinander teilen ist eine Kunst und bleibt ein Projekt, das man immer wieder üben muss. Ja, bis alle wirklich das Nötige haben, heißt es: Üben, üben, üben.
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