SWR Kultur Zum Feiertag
Fronleichnam ist ein wirklich prächtiges Kirchenfest. Über Nacht sind von gestern auf heute mit Hilfe vieler fleißiger Hände kunstvoll arrangierte Blumenteppiche entstanden. Sie schmücken nun Plätze und Straßen. Die katholische Kirche bietet heute alles auf, was sie an Personal und an Material zu bieten hat: festlich gewandete Priester, Ministranten, Erstkommunionkinder, dazu Fahnen, Baldachine und funkelnde Monstranzen. In diesen prunkvollen Schaugefäßen verbirgt sich der eher unscheinbare Kern des ganzen Spektakels: ein dünnes, etwa münzgroß gepresstes Stück Brot aus Weizenmehl: die Hostie. In der Vorstellung der Gläubigen ist das der Leib Christi, das Geheimnis des Glaubens.
Anselm Schubert ist Professor für Kirchengeschichte in Erlangen. Und Protestant mit rheinländischen Wurzeln. Mit ihm spreche ich über das, was man in einer Fronleichnamsprozession nicht sieht: über die Bedeutung der Eucharistie oder, wie wir Protestanten sagen: über das Abendmahl:
Also man feiert die Stiftung der Kirche und der Sakramente durch Jesus von Nazareth in seinem letzten Abendmahl und tut das in einer für Protestanten manchmal etwas gewöhnungsbedürftigen, sehr nach außen getragenen, sehr hierarchischen, manchmal auch etwas hieratischen Art und Weise.
Hieratisch: Geheimnisvoll, aber auch sperrig kommt katholischen wie evangelischen Christinnen und Christen heute vieles vor, was mit dem Abendmahl oder mit der Eucharistie zu tun hat, und was sich im Lauf der Jahrhunderte um dieses Sakrament angelagert hat. Anselm Schubert nähert sich dem Thema deshalb von einer ganz anderen Seite: Er hat eine kulinarische Geschichte des Abendmahls geschrieben. Und geht darin - gut protestantisch – zuerst einmal zurück zu den Ursprüngen:
Was die biblischen Zeugnisse angeht, steht am Anfang ein Pessach-Mahl, das Jesus in der Nacht vor seinem Tod mit seinen Jüngern feiert. Es lag für die alte Kirche nahe, den Sakramentengebrauch, wie man ihn hatte, sozusagen auf ein identitätsstiftendes erstes Ereignis, das auf Jesus zurückgeht, zurückzuführen. Man traf sich in allen Religionen des hellenistischen Mittelmeerraums regelmäßig zu Gemeinschaftsmahlen: zehn bis zwölf Leute, die gemeinsam gegessen, getrunken haben und dann gebetet haben. Und die Gemeinschaftsmahle werden, so die Vermutung heute, auch für die frühen Christen die völlig selbstverständliche Form von gemeinschaftlichem Gottesdienst gewesen sein.
Zehn bis zwölf Leute: Das ist ungefähr die Gruppengröße, mit der zusammen man noch sinnvoll ein Gespräch führen kann. Alle um einen Tisch. Und so halten Essen und Trinken nicht nur Leib und Seele, sondern auch eine Gemeinschaft zusammen. Erst die immer größer werdende Zahl der Gläubigen hat schließlich andere Versammlungsorte und andere Liturgien erforderlich gemacht. Und die erstarkende Macht der Institution Kirche strebt nach Kontrolle. Die Theologie zieht mit:
Das, was Jesus ursprünglich gefeiert hat, ist ein Dankopfer. Deswegen heißt es auch eucharistia. Das ist das Dankopfer. Man dankt Gott für etwas Bestimmtes, aber mit der Entwicklung der christlichen Theologie tritt immer deutlicher in den Vordergrund, dass Christus selbst das Dankopfer ist. Christus ist das Opfer, das Gott gebracht hat, um die Welt mit sich zu versöhnen. Und insofern tritt sozusagen nicht mehr das vom Feiernden benutzte Element, sondern der Feiernde selbst, Christus, in den Vordergrund.
Und so entwickelt sich das ursprüngliche Gemeinschaftsmahl zu einer heiligen Handlung, in der sich alles auf zwei Elemente konzentriert, die eine tiefe Bedeutung in sich tragen: Brot und Wein. Es geht nicht mehr einfach nur um den Verzehr von Speisen. Aus dem gemeinsamen Mahl wird ein „Gott essen“. So lautet der bewusst provokant formulierte Titel von Anselm Schuberts Abendmahlsbuch:
Im Prinzip ist es die unmittelbare Begegnung mit Gott während eines Aktes des Essens und Trinkens. Ob sie Gott selbst essen oder ob ihnen Gott begegnet, während sie essen, das ist jetzt sozusagen eine individuelle und kontrovers theologische und konfessionsgeschichtlich unterschiedliche Interpretationsweise. Aber am Ende läuft es darauf hinaus.
Was genau es mit dem Abendmahl auf sich hat, und wie man es richtig verstehen kann, das ist Jahrhunderte lang ein Spaltpilz, der die Christus-Gläubigen trennt. Nicht nur in Katholische und Evangelische, auch im Protestantismus geht es im 16. Jahrhundert zwischen Lutheranern und Reformierten hoch her. Für die einen vollzieht sich in der Feier des Abendmahls ein nicht zu begreifendes Erleben intensiver Gottesnähe, anderen geht dieses Sich-Gott-Einverleiben entschieden zu weit. Und wo steht das Christentum heute? Gibt es in Abendmahlsfragen einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Oder sogar einen allen Unterschieden zum Trotz gemeinsamen inneren Kern?
Ich habe den Eindruck, dass die meisten Christinnen und Christen zum Abendmahl gehen und das Mahl genießen, das Abendmahl nehmen, weil sie die Gemeinschaft erfahren wollen, die das Abendmahl ursprünglich auch ausmacht. Wenn Christus sagt, man soll das Abendmahl feiern miteinander, sagt er: Das ist mein Leib. Und er meint damit ursprünglich nicht das Stück Brot, auf das er gezeigt hat, sondern er meint die Kirche selbst, und das gemeinsame Essen stiftet die Einheit Christi als Kirche. Und ich glaube, das ist eine Interpretation, die sowohl gut biblisch ist als auch tatsächlich dem Verständnis der meisten Leute heute entspricht.
Anselm Schubert hat viel Neues entdeckt und gelernt, als er den westeuropäischen Kontext einmal hinter sich gelassen und sich auf eine kulinarische Weltreise begeben hat. Dabei war schnell klar: In vielen Gegenden der Welt scheitert die Umsetzung einer Abendmahlsfeier mit Brot und Wein schon an dem Umstand, dass Weizen oder andere Getreidesorten gar nicht angebaut werden und Grundnahrungsmittel der mitteleuropäischen Kulturen dort unbekannt sind. Andernorts ist der Genuss von Alkohol verboten, aufgrund einer mehrheitlich islamischen Bevölkerung oder in Teilen der afrikanischen Christenheit.
Und in diesen Kirchen werden andere Getränke benutzt als Wein, und das naheliegendste wäre Wasser. Aber da Wasser auch nicht immer in diesen Ländern unter Umständen zu haben ist, so dass es sauber genug ist, dass man es teilen würde, gibt es tatsächlich Kirchen, die auf industriell gefertigte Softdrinks zurückgreifen, denn die sind in einer hygienischen Dose verpackt, und im Prinzip spricht ja nichts dagegen, Abendmahl auch mit Johannisbeerschorle zu feiern, wenn denn nichts anderes da ist.
Not macht erfinderisch. Und kreativ. Und begegnet theorielastigen Denkgebäuden oft mit einer erfrischend bodenständigen Widerständigkeit in der Praxis. Die Bedeutung des Abendmahls für die weltweite Christenheit hat durch diesen freien Umgang mit Form und Inhalt offensichtlich keinen Schaden genommen.
Im Prinzip ist es ja vollkommen richtig, dass die christliche Botschaft sich auch verändert, je nachdem, wohin sie in die Welt kommt. Das ist eine Entdeckung, die die christlichen Kirchen ja von Anbeginn gemacht haben. Dass man das Christentum nicht in der Form verbreiten kann, wie es im ersten Jahrhundert in Palästina gelebt worden ist, sondern es wandelt sich mit den Völkern, mit den Zivilisationen, mit den Kulturen, mit den Städten, mit jedem einzelnen, der es aufnimmt, in oftmals unerwartetem und sehr vielfältigem Maße.
Besonders angetan hat es mir ein Beispiel aus dem pazifischen Raum. Dort ist es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Erbe der christlichen Missionare gekommen, die eben auch als Eroberer ins Land gekommen sind. Weizen und Alkohol werden als unerwünschte Zutaten der Kolonialzeit abgelehnt.
Und so gibt es eben etwa im pazifischen Bereich Kirchen, die mit Kokosnuss das Abendmahl feiern, weil sie sagen, das ist eigentlich das, was für Europäer Brot und Wein ist, die Grundnahrungsmittel einer ganzen Kultur. Das ist bei uns die Kokosnuss, also nutzen wir eine Kokosnuss.
Der Ausflug in die Weltkirche und ihren selbstbewussten Umgang mit Traditionen hat mich einen gelassenen Blick auf die konfessionelle Landschaft bei uns in Deutschland gelehrt. Wenn gleich die Fronleichnamsprozessionen beginnen und die Monstranzen glitzern, wünsche ich den katholischen Geschwistern, dass sie in ihrem Glauben an das, was die Seele nährt, gestärkt werden. Und Anselm Schubert gibt uns zum Schluss noch ein Bekenntnis und einen Wunsch mit auf den Weg:
Ich bin froh, dass es das Abendmahl gibt und bin sicher, dass es das noch lange geben wird. Und ich würde mich freuen, wenn wir noch erleben würden, dass sich neue Abendmahlsformen entwickeln, die das, wie ich finde, ja sehr positive Erbe auch des sakramentalen Abendmahles verbinden lernen mit einem offeneren sozialen Zugang zum Gemeinschaftsmahl.

