Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

12JUN2025
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„Hallo Mechthild“, hörte ich einen Ruf auf dem Markt in Mayen.

Es war Reza, früher unser Nachbar in Kirchwald, ursprünglich aus dem Iran.

„Ich bin jetzt sieben“, teilte er uns mit.

Super, schon richtig groß, geht in die Schule, trug eine schicke Brille.

Wir waren da wegen einer Kundgebung zum Ende des 2. Weltkriegs vor 80 Jahren.

Reza schaute sich die kleine Ausstellung an und entdeckte jemanden, den er kannte.

Den Namen wusste er allerdings nicht.

„Das war ein Böser“, sagte ich. „Adolf Hitler“.

„Warum war der böse?“, fragte er, wartete die Antwort aber nicht ab.

Das Interesse von Siebenjährigen geht schnell vorbei.

Wie wäre es vor 85 Jahren gewesen, also 1940 ungefähr?

Hätten freundliche Herren ihn angesprochen, woher er das Bild kennt? Und was seine Eltern ihm über diesen Mann erzählt haben?

Hätten seine Eltern einen Besuch der freundlichen Herren bekommen? Hätten sie den Hitlergruß zeigen und sich zum Führer bekennen müssen?

Hätten die Nachbarn erzählen können, dass die Eltern sich manchmal kritisch über die Regierung äußern? Und welche Folgen hätte das gehabt?

Finstere Zeiten damals, jeder konnte jeden verraten.

„Nie wieder“, der Ausdruck der Überlebenden von Buchenwald.

Und ich will auch, dass es nie wieder passiert.

Kein Genozid an Juden. Oder an anderen Menschengruppen.

Keine Konzentrationslager. Keine Ausgrenzung oder Tötung von Menschen mit Beeinträchtigungen. Von Schwulen. Von Sinti oder Roma.

Keine staatliche Mordmaschinerie. „Nie wieder!“

Alle Menschen sind gleich – vor dem Grundgesetz und vor Gott.

Ich bin seit vielen Jahren Blutspenderin. Niemand hat mich jemals gefragt, ob ich Jüdin bin oder nix glaube, niemanden hat meine Hautfarbe interessiert. Alle wollen nur wissen, welches Blut in meinen Adern fließt. A, B, AB oder 0.

In allen Menschen fließt nämlich der gleiche, kostbare Lebenssaft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42346
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