SWR Kultur Zum Feiertag

C.H.: Ich bin Christopher Hoffmann von der katholischen Kirche. Meine Gesprächspartnerin heute am Pfingstmontag ist Malu Dreyer. Ich freue mich sehr, dass Sie da sind!
- D.: Guten Morgen Herr Hoffmann, ich freue mich auch.
C.H.: Elf Jahre waren Sie Ministerin für Soziales, Arbeit und Familie und ab 2013 dann weitere elf Jahre Ministerpräsidentin - beides in Rheinland-Pfalz. Als Politikerin haben Sie ihre Ämter mit viel Tatkraft und Freude ausgeführt, trotz der Erkrankung Multiple Sklerose, die schon 1995 bei Ihnen diagnostiziert wurde. Es ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems und wie sich diese Krankheit konkret äußert ist ganz individuell, deshalb nennt man sie auch die „Krankheit der 1000 Gesichter“. Sie sind immer offen mit ihrer Situation umgegangen und haben vielen Menschen weit über Rheinland-Pfalz hinaus Mut gemacht. Nun feiern wir heute an Pfingsten das Fest des Heiligen Geistes und eine der sieben Geistesgaben ist die Gabe der Stärke. Was hat Sie im Leben stark gemacht, Frau Dreyer?
M.D.: Das waren ganz sicher ganz unterschiedliche Dinge. Zum einen natürlich mein Mann, meine Familie, die immer sehr, sehr bestärkend waren und mich unterstützend und mir auch immer Zuversicht und Hoffnung gegeben haben. Sicher auch, dass ich die Dinge tat, die ich mit sehr großer Leidenschaft getan habe und dementsprechend ja auch immer ein Feedback da war. Also selbst in schwierigen Zeiten gab auch mein Amt, das was ich tat, dieses Einsetzen für eine gerechte, solidarische Gesellschaft, mir sehr viel Kraft und der Glaube hat mir auch immer sehr viel Kraft gegeben.
C.H.: Ja, Sie haben mal in einem Interview gesagt: „Das was mich die Krankheit gelehrt hat ist auch Gottvertrauen.“
M.D.: Also für mich ist es so, dass Gott immer da ist, auch in Situationen, die sehr schwer sind. Und wenn man eine Diagnose erhält wie Multiple Sklerose, aber es gilt glaub ich für alle Schicksalsschläge oder schwere Erkrankungen – dann verliert man ja erst mal den Boden komplett unter den Füßen und man hat auch wenig Orientierung. Und das ist ein sehr schönes Gefühl zu wissen: Auch wenn man sich völlig verloren fühlt und vor allem die Gewissheiten des Lebens verliert, die Unbeschwertheit im Leben verliert, dass da einer ist oder etwas ist, was viel größer ist, viel umfassender ist, dass eben Gott da ist. Und mit der Diagnose ist das auch sehr stark noch mal zum Tragen gekommen, weil das auch eine Zeit war in der ich nicht wusste: Wohin mit mir eignetlich? Und: Wie geht das Leben weiter?
C.H.: Ich stell mir das jetzt auch schwer vor - diese Unsicherheit- wenn man ja sagt es ist die „Krankheit mit den tausend Gesichtern“-dann weiss man ja nicht: Welches Gesicht zeigt sie in meinem Fall?
M.D.: Ja, das ist sicher etwas, wenn man eine Diagnose bekommt mit einer chronischen Erkrankung, die so unkalkulierbar ist wie die MS es ist, etwas was am Allerschwierigsten ist in dem Moment. Weil es gibt ganz viele Menschen, die ich heute kenne, die sehr gut mit der Erkrankung umgehen können, die auch ganz normal ihr Leben leben, aber es gibt auch viele Menschen, die wirklich sehr, sehr schwer krank werden oder geworden sind und das weiß man im Moment der Diagnose nicht, sondern man muss einen eigenen Weg finden, wie man mit dieser Erkrankung umgeht und wie man das Beste daraus macht und dann auch wieder eine neue Stärke gewinnt. Dazu gehört ja ganz viel – man muss trauern, man darf auch wütend sein, diese berühmten Fragen, die zu nichts führen: „Warum ich? Warum jetzt?“ auch das ist alles legitim und richtig in einem solchen Moment, viel weinen, viel der Wut auch Ausdruck geben- und irgendwann – ich zumindest kam an einen Punkt – ich nenn es immer so: Wo ich den Schalter umlege und sage: Ok, es nutzt nichts gegen die Krankheit anzukämpfen- ich muss die Krankheit annehmen. Es ist etwas, was in meinem Leben so ist und mit dem Annehmen beginnt der Weg in die Zuversicht neu – und dann ist es schön, wenn man ein gläubiger Mensch ist, und auch gute Menschen um sich herum hat, die einem helfen diesen positiven Weg zu beschreiten.
C.H.: Ganz interessanter Punkt, den Sie gerade angesprochen haben: auch Hilfe anzunehmen. Was ja nicht leicht ist. Was Sie aber auch selbst lernen mussten. Sie haben mal in einem Interview gesagt: „Es war total entlastend als ich den Punkt erreicht hatte den Rollstuhl zu akzeptieren und dann wurde ich mobiler…“
M.D.: Ja, als junge Frau bin ich ja so ein bisschen aufgewachsen im Sinne von: „Malu unkaputtbar“. Also ich habe alle möglichen Sportarten gemacht, ich war sehr mobil und es war für mich sehr schwer annehmbar, dass ich plötzlich eine Erkrankung hatte, die mir das alles genommen hat oder sehr viel davon genommen hat. Und deshalb habe ich lange damit gekämpft, einfach trotzdem ohne Unterstützungsleistungen alles hinzukriegen, was irgendwie geht – da gehörten dann auch so Dinge dazu, dass ich dann mit meinem damaligen Partner irgendwohin gewandert bin und es war eigentlich völlig klar, dass ich überhaupt nicht mehr zurückkommen kann und dann musste man wirklich durch das Tal der Tränen, um wieder zurückzukommen. Und es war dann viel, viel später mit meinem jetzigen Mann, dass wir auf Lanzarote waren und ich konnte wirklich nicht mehr weit laufen und an der Rezeption des Hotels lag ein Zettel rum, da konnte man alles leihen vom Tauchsieder bis zum Rollstuhl und mein Mann sagte: „Hier kennt uns keiner, sollen wir das nicht mal ausprobieren?“ Ich war damals schon Ministerin. Und dann haben wir das ausprobiert und mein Mann ist mit mir wirklich quer durch Lanzarote mit diesem Rollstuhl bergauf, bergab und das war so ein tolles Erlebnis für mich, wieder die Freiheit zu haben mich über 100 Meter hinweg bewegen zu können und dann habe ich damals erkannt: Hilfsmittel sind etwas sehr, sehr Hilfreiches und Gutes. Auch für die Angehörigen übrigens.
C.H.: Der Heilige Geist wir ja auch oft als „Tröstergeist“ bezeichnet. Gibt es eine Bibelstelle, die Ihnen besonders am Herzen liegt, die Ihnen Trost spendet?
M.D.: Für mich ist dieser Psalm 91 immer total wichtig, weil er irgendwie auch zu dieser Krankheit passt. Es heißt ja: „Er befiehlt seinen Engeln dich zu behüten auf all deinen Wegen – sie tragen dich auf Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“. Und diese Stelle hat mich immer unheimlich berührt. Die Menschen die MS haben oder eine ähnliche Erkrankung, wissen: Es ist wirklich schwer durch eine Fußgängerzone zu gehen und nicht an einen Stein zu stoßen, der einen selbst ins Stolpern bringt – also das hatte immer so eine doppelte Botschaft an mich, dieser Psalm –aber tatsächlich ist es dieser behütende Gott, dieser sorgende Gott, der tatsächlich dann auch eine große Rolle spielt.
C.H.: Das ist ihr Gottesbild?
M.D.: Das ist mein Gottesbild, der Gott der Liebe, natürlich auch. Und vor allem aber niemals der strafende Gott, sondern immer der barmherzige, der sorgende Gott. Und darum geht es ja schon auch glaube ich im Leben eines Christen, einer Christin, trotz aller Probleme, Sorgen mit großer Zuversicht und Hoffnung nach vorne zu gehen und im Vertrauen auf Gott wirklich auch zu wissen: Man kann sehr viel bewegen.
C.H.: Ich finde das ist ja auch was, was Sie immer ausgezeichnet hat: Dieser Optimismus, diese Zuversicht: „Die Zukunft ist meine Freundin.“ Das ist so der Satz, der mit Ihnen ganz klar in Verbindung steht. Jetzt leben wir in einer Zeit, wo die Menschen sehr viele Sorgen haben, wo auf der Welt viele Krisen sind. Wie gelingt es Ihnen da die Zuversicht zu behalten?
M.D.: Ich glaube eines der Schlüssel überhaupt wieder mehr Optimismus in die Gesellschaft zu bringen ist, dass wir verlernt haben das Gelingen, das Gute zu sehen. Unserer Gesellschaft schadet das sehr, wir müssen denke ich wir zurück an den Punkt, wo wir über das Gelingen sprechen. Und der zweite Punkt ist: Ich glaube wirklich an die Kraft der Vielen. Wenn wir uns zusammentun, können wir auch in der Gesellschaft ganz viel bewegen. Ich glaube auch an das kollektive Gebet, da lächeln ja viele drüber, aber das ist tatsächlich etwas, wovon ich überzeugt bin, dass es auch eine Kraft hat in sich.“
C.H.: Pfingsten gilt ja auch als Geburtstag der Kirche. Aktuell gibt es eine Debatte darüber, ob sich Kirche auch zu politischen Fragen äußern sollte – wie stehen Sie dazu?
M.D.: Kirche muss sich zu politischen Fragen äußern. Warum? Weil aus meiner Sicht die christliche Botschaft eine total politische Botschaft ist. Für Liebe und Nächstenliebe, für Solidarität sorgen - für mich ist das miteinander wirklich verwoben und verbunden. Und es wäre so schade und die Welt wäre ein ganzes Stück auch politisch ärmer, wenn Kirche und Christinnen und Christen sich nicht politisch äußern würden. Wir brauchen auch da die Kraft der Kirche im positivsten Sinne. Das ist nicht parteipolitisch, es ist politisch.
C.H.: Gibt es einen Moment oder eine Situation wo Sie sagen: Ich glaube da hat der Heilige Geist in meinem Leben gewirkt?
M.D.: Pfingsten ist für mich so ein schönes, freudiges, ermutigendes Fest -weil dieser Geist steht für mich wirklich für diese Kraft gebende Energie. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass dieser Geist, dass diese Energie auch in der Gegenwart da ist. Viele haben mich ja oft gefragt im Amt: „Was gibt dir eigentlich Kraft und Zuversicht?“ Und ich kann das wirklich: Mich mal fünf Minuten auf mich besinnen und diese Kraft und diese Energie auch echt spüren. Und da geht es mir dann so ein bisschen wie den Jüngern an Pfingsten, dass ich dann plötzlich so eine Klarheit habe und so eine Zuversicht in mir verspüre und das hat ganz viel glaub ich mit dieser göttlichen Energie zu tun.
C.H.: Ganz, ganz herzlichen Dank Frau Dreyer für das Gespräch.
M.D.: Ich danke Ihnen und schöne Pfingsten auch an die Zuhörer und Zuhörerinnen.
C.H.: Das war die Sendung Zum Feiertag auf SWR Kultur und auch ich wünsche Ihnen noch einen schönen Pfingstmontag. Christopher Hoffmann, Koblenz von der katholischen Kirche.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42344