SWR4 Abendgedanken

12JUN2025
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Vor Kurzem hat es am Nachmittag bei uns an der Haustür geklingelt. Eigentlich habe ich keinen Besuch erwartet und die Post war auch schon durch. Vor der Tür standen zwei junge Frauen -offensichtlich Gesellinnen auf der Wanderschaft. „Wir suchen für die kommenden zwei Tage eine Herberge. Haben Sie vielleicht eine Idee, wo wir unterkommen könnten?“ Die beiden klangen so unglaublich freundlich, dass ich mich auf einmal selbst sagen hörte: „Klar, ihr könnt gerne bei uns bleiben, kommt rein!“ –  Ein Tee war schnell gekocht und das Sofa bezogen.

Tine und Lilly, so hießen die beiden, waren schon ein paar Monate auf der Walz. Die eine war Schreinerin, die andere Landschaftsgärtnerin - beide kamen aus Norddeutschland. Nach ihrer Lehre wollten sie nicht rein in den Trott eines geregelten Arbeitsalltags, sondern Berufserfahrung sammeln und etwas von der Welt sehen. Mal waren sie in den vergangenen Monaten jeweils allein unterwegs, mal mit anderen Wandergesellen und jetzt eben zu zweit – und das bei Wind und Wetter, Schnee, Regen oder Hitze – alles haben sie schon erlebt.

Noch nicht einmal einen Rucksack haben sie dabei. Ausgestattet allein mit dem klassischen Bündel für ihre Habseligkeiten, Wanderhut und -stock und ihrer robusten Kluft. Die beiden jungen Frauen haben bei uns die ganze Familie beeindruckt. Aus den zwei Tagen wurden vier, und wenn es nach uns gegangen wäre, hätten die beiden ruhig noch länger bleiben können. Denn Tine und Lilly waren herrlich unkompliziert. Wir haben für sie gekocht und sie für uns, im strömenden Regen haben sie fröhlich singend in unserem Garten gewerkelt und danach in warmen Wolldecken von Erlebnissen auf ihrer Wanderschaft erzählt. Drei Jahre sollen es werden. Am Ende wird man von anderen Gesellen, die man kennengelernt hat, nach Hause begleitet. In den vergangenen Monaten haben die beiden so etwas wie ein tiefes Gottvertrauen gesammelt. „Es findet sich immer alles“, meint Lilly, „ein Dach über dem Kopf, eine Schlafgelegenheit und auch Arbeit.“ „Es gibt viele freundliche Menschen; ich glaube, ich habe mit der Zeit einen Blick dafür bekommen, wen ich fragen kann“, sagt Tine.

Wo sie jetzt wohl stecken? Ich hoffe, es geht ihnen und allen anderen Gesellen auf der Walz gut.

Was ich von ihnen mitnehme? Es gibt viele freundliche Menschen, die man einfach einmal um Hilfe bitten kann.

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