Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12JUN2025
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Ich erinnere mich an jede Einzelheit dieser Situation. Dabei ist das fast 20 Jahre her. Manchmal brennen sich ganz alltägliche Augenblicke ja deshalb so ein, weil jemand etwas Bestimmtes sagt oder fragt. Ich habe Bekannte in der Nähe von Bremen besucht. Die Sonne war schon warm, das Ehepaar hat mir gezeigt, wo in ihrem Garten Radieschen und Karotten wachsen. Herr Wolff hat mich damals, eher beiläufig, gefragt, warum ich Grundschullehrerin geworden bin. Geantwortet habe ich ihm: Weil ich als achtjährige eine Klassenlehrerin hatte, die mich ernst genommen hat. So wie niemand vorher. Deshalb weiß ich auch wie wichtig Grundschullehrer sein können. Kinder brauchen gute Vorbilder. Die ihnen zeigen, dass sie wertvoll und einzigartig sind. Dass sie etwas bewirken können. Herr Wolff hat mich ungläubig angeschaut. In seinen Augen war ich hoffnungslos optimistisch. Er war überzeugt, dass die Welt nicht zu retten ist und ohnehin alles seinen Lauf nimmt.

Das Gespräch von damals fällt mir manchmal ein. Die Situation auf der Welt ist seitdem nicht hoffnungsvoller geworden. Vielleicht hat Herr Wolff recht mit dem, was er damals gesagt hat - denke ich jetzt manchmal. Aber auch heute bin ich nicht seiner Meinung. Ich bin vielleicht etwas leiser geworden, aber nicht müde. Ich sehe, was möglich ist, wenn ich die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit nicht aufgebe. Zum Beispiel in unserem Klassenzimmer. Auch Kinder können schon so miteinander streiten, dass erst mal keine Lösung in Sicht ist. Und Erwachsenen fällt dann oft nichts Besseres ein als zu sagen: „Jetzt hört endlich auf zu streiten und vertragt euch wieder“. Aber mit dieser Aufforderung allein kommen sie zu keiner friedlichen Lösung. Was den Kindern hilft ist: Wenn wir uns viel Zeit nehmen, um ihren Kleinkrieg zu verstehen; wenn wir herausfinden, wer wen gekränkt hat und warum; wenn die Kinder lernen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Um Entschuldigung zu bitten, sich für eine bestimmte Zeit in Ruhe zu lassen. Und vor allem: wenn sie erleben, dass wir ernst nehmen, was sie sich so sehr wünschen. Sie wollen nämlich wirklich Lösungen finden. Ich erlebe mit ihnen fast jeden Tag, dass wir es schaffen, Schwierigkeiten zu klären. Es nimmt eben nicht alles automatisch seinen Lauf. Da, wo ich bin, habe ich immer die Chance, das Leben mitzugestalten.

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