SWR Kultur Wort zum Tag

18JUN2025
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Mein Onkel Horst ist schon als junger Familienvater an Parkinson erkrankt. Jeden Tag müde und irgendwie kraftlos. Die Ärzte haben anfangs Psychopharmaka verschrieben, weil sie nicht wussten, was los ist. Es hat einige Jahre gedauert, bis endlich die richtige Diagnose feststand. Heilung war aber nicht möglich.

Und so hat für meine Tante Sabine eine Zeit begonnen, die Jahrzehnte dauern sollte. Sie hat meinen Onkel gepflegt. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Mit allem, was dazugehört. Und „nebenbei“ hat sie die drei gemeinsamen Kinder großgezogen. Später hat sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. So konnte sie weiterhin Geld verdienen und Horst noch besser versorgen.

Vor einigen Jahren ist mein Onkel Horst dann gestorben. Seitdem lebt Sabine allein. Wenn sie auf diese gemeinsame Zeit zurückblickt, dann schwingt da auch ein wenig Stolz mit. „Ich habe durchgehalten“, sagt sie. Und sie weiß, wovon sie spricht. Sie hat sie erlebt: die vielen schwierigen Momente, die Erschöpfung, die Angst vor der Zukunft. Sie kennt auch Paare, bei denen die Kraft irgendwann nicht mehr gereicht hat, wo der pflegende Partner sagen musste: Ich kann nicht mehr. Sabine sagt: „Ich bin bei ihm geblieben – bis zu seinem Tod.“ Und heute blickt sie auf ihre große Familie: Kinder, Enkelkinder und die ersten Urenkelkinder.

Meine Tante ist christlich erzogen worden und Mitglied in der Kirche. Neulich haben wir uns darüber unterhalten, was das für sie bedeutet. Sie ist niemand, die es sich damit einfach macht. „Naja“, sagt sie über ihren Glauben, „da habe ich schon so meine Zweifel.“ Und „die Kirche hat mich auch schon oft genug enttäuscht.“

Und dann kam der Moment, der mich besonders berührt hat. Sie sagt: „Einen Glauben, den lasse ich mir nicht nehmen: Den Glauben an die Auferstehung. Denn Horst will ich wiedersehen. Den vermisse ich.“

Ihre Ehe ist ganz anders verlaufen, als sie es sich als junge Frau vorgestellt hat. Die Krankheit hat alles verändert. „Aber“, sagt sie, „diese Liebe spüre ich weiterhin. Und ich will im Himmel wieder mit ihm zusammen sein.“

Als Sabine das so gesagt hat – so schlicht, so klar –, da ist für mich alles gesagt. Ich hätte mit ihr noch lange diskutieren können. Aber wozu? In diesem einen Satz steckt so viel von ihr, von ihrem Leben, von ihrer Hoffnung. Und von einer großen Liebe - über den Tod hinaus.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42287
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