SWR Kultur Zum Feiertag

29MAI2025
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Ich spreche heute am Fest Christi Himmelfahrt mit Prof. Dr. Thomas Hieke. Er unterrichtet hier an der Universität in Mainz die Exegese des Alten Testaments. Und, lieber Herr Hieke, wir wollen sprechen heute über den Himmel. Eine erste Frage: Wenn ich die Bibel aufschlage, dann sehe ich gleich im ersten Satz im Alten Testament das Wort Himmel, nämlich: „Gott erschuf Himmel und Erde“. Von welchem Himmel spricht der Autor da eigentlich?

 

Mit Himmel und Erde, da meint die Bibel in ihrem ersten Vers die ganze Welt. Das gibt es öfter in der Bibel, dass zwei Begriffe oder zwei Pole für eine größere Gesamtheit stehen, Tag und Nacht. Das ist die ganze Zeit. Meer und Land, das ist alles, auch das, was dazwischen ist, das Wattenmeer, der Strand. Die Kombination Himmel und Erde, die steht für das, was wir heute Welt oder Kosmos nennen. Und diese Art von Himmel, die müssten wir mit Sky im Englischen übersetzen, nicht mit Heaven. ein von Gott gemachtes Gewölbe, nicht mehr ein Haus voller Gottheiten, wie es etwa in Babylonien der Fall war, oder eine Himmelsgöttin wie im alten Ägypten, die sich über den Erdgott wölbt.

 

Wenn ich die Bibel durchblättere, dann finde ich gleich am Beginn im ersten Satz den Himmel. Und ich finde ihn im vorletzten Kapitel der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, wo davon die Rede ist, dass ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen werden. Das klingt ja so ein wenig so, als ob der Himmel so etwas wie eine Klammer ist, die die Bibel umgreift.

 

Das ist eine wunderbare Beobachtung. Also die Bibel beginnt mit der Erschaffung von Himmel und Erde. Dann kündigt das Alte Testament im 65. Kapitel im Buch Jesaja einen neuen Himmel und eine neue Erde an, und das greift die Offenbarung des Johannes auf, diese Zukunftshoffnung einer erneuerten Welt. Und so ergibt sich dieser Rahmen um eine Bibel, Aber es geht da weniger um den Himmel speziell, sondern mehr um einen komplett erneuerten Kosmos.

 

Wenn wir die die Himmelfahrtstexte lesen, dann steht dort, wie der Engel zu den Jüngern sagt: „Was schaut ihr da zum Himmel empor?“ Gibt es für die Bibel doch so etwas wie einen Ort des Himmels

 

Der Engel weist ja eigentlich schon mit seinem Satz darauf hin: Schaut nicht da nach oben. da ist Gott nicht, da ist Jesus nicht. Wenn jemand stirbt, dann verlässt er diese Welt mit Raum und Zeit. und ist dann sofort - in Anführungszeichen - bei Gott. Aber auch das Wort sofort hat ja auch wieder eine zeitliche Dimension, ist insofern auch wieder völlig unangebracht.

 

Das Fest heißt ja auch Jesu Aufnahme in den Himmel. Kurz gesagt: Was meinen Christinnen und Christen eigentlich, wenn sie von der Aufnahme in den Himmel sprechen?

 

Die frühen Christinnen und Christen, die standen ja vor dem Problem, dass sie einerseits fest davon überzeugt waren, dass dieser Jesus, den sie noch aus dem irdischen Leben kannten, lebt, aber dass dieser Jesus andererseits nicht mehr zu sehen, zu hören, zu greifen ist. Und das kleidet man dann in die Worte, dass Jesus zum Vater, zu Gott gegangen ist. Also diese raumzeitliche Welt verlassen hat. Himmel ist in diesem Sinne die andere Welt Gottes, die wir uns kaum vorstellen können.

 

Wenn man sich die Geschichte anschaut, dann entsteht das, was wir heute Kirche nennen, ja erst nach Tod und Himmelfahrt Jesu. Kann man sagen, dass die Himmelfahrt Jesu gewissermaßen eine Voraussetzung dafür war, dass es Kirche heute gibt?

 

Das kann man so sagen, denn Kirche ist ein Provisorium, ein Zwischenzustand auf der Erde. Innerhalb dieser raumzeitlichen Welt und gebunden an diese Welt. Wenn nämlich Jesus noch da wäre, also auf Erden sichtbar und hörbar wäre, dann gäbe es keine Kirche, denn dann würden ja alle sofort auf Jesus hören. Und Christi Himmelfahrt ist in dem Sinne dann eben das Hinübergehen des auferstandenen Jesus in diese Welt Gottes. Und dann wird es nötig, dass jemand anderer stellvertretend die Barmherzigkeit Gottes weiter verkündet. Denn das, was Jesus verkündet hat, ist ja so wichtig, dass die Sache Jesu weitergehen muss. wenn es das nicht gäbe, dann gäbe es keine Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes, keine Verkündigung einer Hoffnung auf eine bessere Welt. Und diese Aufgabe, die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden, macht die Kirche so lange, bis Jesus am Ende der Zeiten wiederkommt.

 

Wenn wir diesen Satz sagen: Der Papa ist jetzt im Himmel, der Opa ist im Himmel, die Schwester ist im Himmel. Was meinen wir eigentlich damit, wenn wir das sagen?

 

Nun, wenn ein geliebter Mensch stirbt, dann ist es tröstlich und wichtig zu sagen, dass dieser Mensch nicht einfach weg ist und verfault oder verbrannt wird. Das ist so furchtbar. Wir glauben als Christinnen und Christen, dass unsere Verstorbenen bei Gott sind und damit außerhalb dieser raumzeitlichen Welt. Und dazu kann man Himmel sagen. Man muss halt wissen, was man darunter versteht. Nicht das Blaue da oben mit den Wolken oder das, wo nachts dann die Sterne. Aber es ist noch mal eine andere Welt und vielleicht hilft mir da auch noch ein ganz gutes Wort aus dem Buch der Weisheit. Da heißt es im ersten Vers des dritten Kapitels „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand“. Und das ist doch ein sehr tröstlicher Gedanke, der mir selbst auch viel weitergeholfen hat in meinen Trauerfällen, die ich auch erlebt habe. In Gottes Hand sein, in Abrahams Schoss sein, im Himmel sein. Das sind alles Worte, die uns trösten wollen und uns die Botschaft vermitteln wollen: Der geliebte Mensch, den wir verloren haben, er lebt weiter.

 

Wenn man sich Studien anschaut zu religiösen Überzeugungen der Deutschen, dann fällt ja auf, dass der Glaube an eine Auferstehung, der Glaube an ein anderes Leben bei Gott, wie immer man sich das vorstellt, dass das schwindet. Wird der Himmel am Ende überflüssig, entbehrlich?

 

Diese Ansicht liegt vielleicht daran, dass viele Menschen heute das meiste in ihrem Leben schon erreicht haben, was sie sich wünschen und vorstellen. Ich möchte an all die erinnern, die eben das nicht erreicht haben, die zu kurz gekommen sind, weil sie zu früh an einer Krankheit gestorben sind. Was ist mit denen? Was ist mit den zahllosen Opfern von Terror und Krieg, die aus dem Leben gerissen werden? Soll da auch der Tod das letzte Wort haben? Haben die einfach Pech gehabt, weil sie es halt zu früh erwischt hat? Das klingt sehr herzlos, ist es auch. Ich tue mich auch manchmal schwer, mir das vorzustellen. Diese Welt Gottes, außerhalb von Raum und Zeit. Aber wenn ich dann probiere, diesen Glauben aufzugeben, dann falle ich in eine so tiefe Verzweiflung. Das möchte ich gar nicht. Denn sonst hätten wir in der Gesamtbilanz tatsächlich ein erhebliches Gerechtigkeitsdefizit, was dann die Macht Gottes, die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, aber auch die Gerechtigkeit Gottes erheblich in Frage stellen würde.

 

Das klingt wie die oft kritisierte Vertröstung auf ein besseres Jenseits.

 

Ich finde, dass die christliche Religion darauf eine sehr gute Antwort gibt, die tragfähig ist, Die mich jetzt nicht einfach nur vertröstet auf ein Irgendwann-später, sondern die mir jetzt hier Halt und Kraft gibt, weil ich sage: All das, was ich hier an Gutem tue, wird irgendwie seinen Wert behalten. Und das, was mir hier fehlt, das wird mir in irgendeiner Weise dann auch ergänzt werden. Und bei allen anderen, wo ich das auch sehe, wo Gerechtigkeit nicht aufgeht, wo Liebe nicht aufgeht, das wird irgendwann einmal vollendet werden.

 

Das heißt, es geht letztlich um Ausgleich.

Ja, das wollen wir ja alle irgendwo. Das ist ja ein Grundbedürfnis des Menschen. Das entwickeln Kinder schon im Kleinkindalter, im Kindergarten, dass sie Gerechtigkeit wollen.

 

Herr Hieke, ein letztes noch: Wenn es den Himmel nicht gäbe, was würde uns da fehlen?

 

Die Hoffnung! Der Glaube, dass da eben noch mehr ist. Dass da ein Gott ist, der es gut mit uns meint. Die Liebe zu den Menschen, die gestorben sind und weg sind. Das ginge ja alles verloren. Am meisten ginge die Hoffnung verloren, die Hoffnung auf eine Vollendung des Lebens, auf ein Wiedersehen.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, Herr Hieke.

 

Gerne.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42253
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