SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Wenn ich nachdenken muss, gehe ich gerne auf den Friedhof. Klingt vielleicht komisch, aber ich liebe die Ruhe dort. Ich finde, es ist eine freundliche Ruhe. Ich mag, dass ich die Vögel zwitschern höre auf dem Friedhof. Der Wind raschelt durch die Blätter der Bäume, die Sonne scheint auf die Gänseblümchen im Gras. Ich sitze dann auf einer Bank und fühle mich irgendwie verbunden mit den Menschen, die vor uns gelebt haben. Welche Geschichten verbergen sich wohl hinter den Namen auf den Grabsteinen? Was hat diese Menschen ausgemacht? Was haben sie erfahren, wen geliebt, worauf gehofft? Da sind Menschen, die sehr alt geworden sind und einige, die viel zu jung gehen mussten. Auch wenn so manche sicher alleine gestorben sind- hier auf dem Friedhof sind sie vereint. Hier hat alles Platz: die guten und schlechten Erinnerungen. Traurig sein und hoffen, dass wir eines Tages wieder zusammen sein werden.
Heute ist Christi Himmelfahrt. Die Bibel erzählt, dass Jesus nach seiner Auferstehung noch einigen Jüngerinnen und Jüngern begegnet ist und sich dann endgültig verabschiedet und in den Himmel aufsteigt. Wie auch immer man sich das vorstellen mag – jedenfalls ist er nun nicht mehr greifbar, nicht mehr da.
Was bleibt, sind seine Worte und seine Hoffnung, die er seinen Freundinnen und Freunden mitgegeben hat. Er hat sie ermutigt, dass sie auch ohne ihn weitermachen können. Was ihm wichtig war, hat er ihnen weitergegeben und sie bewahren es in ihren Herzen und erzählen es anderen.
Auf dem Friedhof kann ich etwas davon spüren. Hinter jedem Namen auf einem Grabstein steckt ein ganzes Leben, mit all den Geschichten und Erfahrungen, die dieser Mensch gemacht hat. Die Verstorbenen sind zwar nicht mehr hier, nicht mehr greifbar- aber etwas von ihnen lebt weiter. In den Geschichten, die wir erzählen. Indem wir fortsetzen, was sie begonnen haben.
Ich denke an die Menschen, die uns Wege gebahnt haben, auf denen wir heute gehen. Heute besonders auch an meinen Vater. Er ist in einfachen Verhältnissen groß geworden und ihm war es immer wichtig, dass wir Kinder es einmal besser haben als er. Dafür hat er viel getan. Ich denke an Menschen, die gesellschaftlich Dinge bewegt und verändert haben, die bis heute wichtig sind: An die Frauen, die im Großen und Kleinen für Gleichberechtigung gekämpft haben. An die Mütter und Väter des Grundgesetzes. So viele Menschen, die sich eingesetzt haben, um die Welt ein Stück besser zu machen.
Dafür bin ich dankbar- und ich spüre gleichzeitig eine große Verantwortung. Ich will dazu beitragen, dass das Gute, für das sich diese Menschen eingesetzt haben, weitergeht. Weil wir alle verbunden sind – mit denen, die vor uns gelebt haben und denen, die nach uns kommen.
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