SWR Kultur Lied zum Sonntag

25MAI2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Als Schülerin habe ich meine Mittagspausen oft bei einer Freundin verbracht. Dort hat sich zum Essen die ganze Familie eingefunden. Und oft waren noch weitere Gäste da. Bevor es losging, sind alle noch für einen Moment hinter ihren Stühlen stehen geblieben und haben zusammen einen Tischkanon gesungen. Ich mochte dieses Ritual. Noch der schlichtesten Mahlzeit hat es einen besonderen Glanz verliehen. Heute erlebe ich es dagegen kaum noch, dass irgendwo vor dem Essen gebetet wird. Und auch wir selbst lassen mit Rücksicht auf die religiöse Gefühlslage unserer Gäste das Beten meistens weg. Es könnte ja übergriffig wirken. Wie wertvoll es ist, davon dichtet Jochen Klepper:

Der Tag ist seiner Höhe nah. Nun blick zum Höchsten auf,
der schützend auf Dich niedersah in jedes Tages Lauf.

Wie laut dich auch der Tag umgibt, jetzt halte lauschend still,
weil er, der dich beschenkt und liebt, die Gabe segnen will.

Der Mittag kommt. So tritt zum Mahl; denk an den Tisch des Herrn.
Er weiß die Beter überall und kommt zu Gaste gern.

Tischkultur und Essgewohnheiten haben sich massiv verändert. Auch ich esse und trinke oft nebenher, während ich am Schreibtisch sitze, oder ziehe mir während einer langen Autofahrt belegte Brötchen rein. Und obwohl das Lied von Jochen Klepper aus einer Zeit lange vor Fast Food und Coffee to go stammt, ruft es zu einer heilsamen Unterbrechung alltäglicher Routinen auf. Zu einer kurzen Besinnung auf das, was in jedes Tages Lauf nicht gemacht, erledigt, geschafft werden muss, sondern mir einfach geschenkt wird. Was für ein Segen!

Er segnet, wenn du kommst und gehst, er segnet, was du planst.
Er weiß auch, dass du‘s nicht verstehst und oft nicht einmal ahnst.

Wer sich nach seinem Namen nennt, hat er zuvor erkannt.
Er segnet, welche Schuld auch drängt, die Werke deiner Hand.

Heute ist der Sonntag Rogate. Er lädt dazu ein, das Beten neu für sich zu entdecken. Vielleicht durch die Wiedereinführung eines Tischgebets. Oder einer ruhigen Minute am Abend, in der ich den Tag noch einmal Revue passieren lasse; aufmerksam für die kostbaren Momente, die er gebracht hat, fürsorglich für die Menschen, die mir begegnet sind. Und am Morgen vor dem ersten Blick aufs Handy ein paar gute Gedanken für die Welt und all ihre Krisen. Denn auf solchem Beten liegt eine große Verheißung:

Die Hände, die zum Beten ruh‘n, die macht er stark zur Tat.
Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat.

Der Tag ist seiner Höhe nah. Nun stärke Seel und Leib,
dass, was an Segen er ersah, dir hier und dort verbleib.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Martina Steinbrecher von der evangelischen Kirche

 

Musikangaben:

Text: Jochen Klepper (1938)
Musik: Fritz Werner (1949)
Aufnahme:
Der Tag ist seiner Höhe nah für Tenor und Chor a capella, Ja, ich will euch tragen. Das Solistenensemble, Leitung: Gerhard Schnitter

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42224
weiterlesen...