SWR Kultur Wort zum Tag
Ich habe Angst vor Falten. Mit jedem Geburtstag stelle ich mich näher an den Spiegel und schaue ganz genau hin. Unter den Augen beäuge ich misstrauisch jede Linie. Ich untersuche genau, was sich da auf meiner Stirn abzeichnet. Dann überlege ich, ob diese Linie letztes Jahr auch schon da war oder ob diese Spur da oben neu ist. Es ist zum Stirnrunzeln – aber lieber nicht, das könnte ja noch mehr Falten verursachen.
Vielleicht ist das eine komische Angst. Ich bin gerade erst 29 geworden. Aber in meiner Generation ist das Thema Schönheit ständig präsent. Und was man dafür tun kann, ist längst kein Traum mehr, den sich nur Hollywood-Stars verwirklichen.
Auf Instagram sieht man Menschen, die schier nicht altern. Klar, das liegt auch an den tausend Möglichkeiten der Bildbearbeitung. Aber mittlerweile investieren Frauen und Männer viel in ihr Aussehen. Chirurgische Eingriffe sind da längst keine Ausnahme mehr. Ich kann das verstehen. Schließlich beschäftigt mich das Thema mit den Falten ja auch.
Neu ist das nicht. Seit jeher haben sich Menschen über ihr Aussehen Gedanken gemacht. Und auch frühere Generationen wollten gern an der Jugend festhalten. Die Schauspielerin Simone Thomalla hat letztens in einem Interview gesagt: „Wir wollen alle alt werden, aber keiner will alt sein.“ Ist das einfach nur Eitelkeit? Ich glaube, wenn es um die äußere Schönheit geht, schwingt noch viel mehr mit: Abschied, Vergänglichkeit, Tod – die richtig großen Themen. Unser Leben hier und unser Aussehen sind nun mal vergänglich. Das kann ins Grübeln bringen und auch Angst machen. Schließlich weiß ich nicht, was da noch kommt. Manchmal erleichtert es mich aber auch, um Vergänglichkeit zu wissen. Denn das heißt: all die quälenden Sorgen sind auch zeitlich. Die Schwierigkeiten, die das Leben jeden Tag mit sich bringt, bleiben nicht für immer. Und dann wird auch die Angst vor den Falten zumindest für einen Moment kleiner. Ja, für einen Moment werden sie sogar schön: Denn Falten zeigen: Alles ist zeitlich, auch ich selbst. Das macht mich neugierig auf das, was kommen wird. Als Christin hoffe ich da nämlich auf etwas grundlegend Neues. Wir nennen das oft „Ewigkeit“. Wie die aussieht, ist offen. Wird dann tatsächlich aufhören, was uns hier zu schaffen macht? Auch das Altern? Ich glaube: Gott wird gut machen, was kommt. Und: Die größte Schönheit liegt noch vor uns.
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