SWR1 Begegnungen

18MAI2025
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Pfarrer Nicki Schaepen Copyright Diözese Rottenburg-Stuttgart

Wolf-Dieter Steinmann trifft Pfarrer Nicki Schaepen aus Bad Schussenried. Dort im Kloster läuft die Ausstellung „uffrur“.

Frei, gerecht und geschwisterlich

Nicki Schaepen lebt an einem erinnerungsstarken Ort, in Bad Schussenried in Oberschwaben. Erinnerungen machen was mit uns. Wenn Nicki Schaepen vor 500 Jahren gelebt hätte, hätte er das live gesehen aus seinem Pfarrhaus: Einfache Leute in Aufruhr, im Bauernkrieg.

Am 29. März 1525 stürmte eine Gruppe von unzufriedenen Bauern das Kloster. Allerdings die haben sich begnügt, vor allem die Verträge, die lästigen, die diese ganzen Abhängigkeiten regelten, zu vernichten. Und dann haben Sie die Orgel zerstört und haben dann sich an der Vorratskammer gelabt.

Die Lebensverhältnisse der bäuerlichen Familien vor 500 Jahren waren extrem: Armut, Land, das durch Vererben immer weniger wurde. Manche leibeigen, Mütter- und Kindersterblichkeit. Zu alle/dem haben sich adelige und kirchliche Herren Neues einfallen lassen. Flüsse, Gemeindeweiden, Wald sollten jetzt ihnen gehören. Aber ist Gottes Schöpfung nicht da für alle?

Klare Rechte wurden immer weniger eingehalten und daraus entstand natürlich eine weitere Unzufriedenheit, wenn man das Gefühl hatte, der Herr steht nicht mehr zu seinen Versprechungen uns gegenüber, zu seinen Verpflichtungen und wir haben den Eindruck, wir werden nur ausgeplündert und dann gab es eben berechtigterweise diese Aufstände.

Anfangs nur vereinzelt. Und dann die große Erhebung. Zehntausende haben sich beteiligt. In Schwaben, Baden, der Pfalz, Hessen bis Thüringen. So etwas gab es noch nicht in Europa. Wie kam das? Sie hatten ein Ziel, ein positives: Leben als freie Christen und Christinnen. Für Nicki Schaepen ist klar.

Die Religion spielte bei den Bauernkriegen sicherlich eine sehr große Rolle, also vor allem auch Luthers Schrift von der Freiheit des Christenmenschen, das war eine revolutionäre Idee, die natürlich ganz gewaltig einschlug. Und da wurden natürlich die bestehenden Missstände umso deutlicher. Weil ja das Individuum unendlich wertvoll ist.

Sicherlich haben diese reformatorischen Bewegungen den Mut der Bauern geweckt, dass Veränderungen möglich sind, ihr Recht, als Freie vor Christus, vor Gott auch umzusetzen.

In den „12 Artikeln“ haben die Bauern ihre Forderungen nach grundlegenden Rechten festgeschrieben. Freiheit: politisch, wirtschaftlich und religiös. Die Artikel sind 25000-mal gedruckt worden und verbreitet. Lesen sich wie eine Art Verfassung einer christlichen Gesellschaft. Nicki Schaepen sind diese Erinnerungen bedeutsam.

Die Not des Menschen, die sozialen Ungerechtigkeiten, die politischen, damals auch die religiösen Missbräuche von Macht. Die Bauern, die um das Überleben kämpften, sich ungerecht behandelt, nicht gehört fühlten. Das sind ja alles tiefgreifende menschliche Anliegen, die jederzeit etwas zu sagen haben.

Gerade als Christen: Also wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist es mit der Würde des Menschen eben nicht vereinbar, wenn jemand im schlimmsten Elend leben muss. Und dass eben auch die Rechte des Einzelnen nicht einfach so übergangen werden, nur weil man der Stärkere ist.

„Bauernkrieg?“ „Aufruhr?“ Worte verändern, wie man etwas sieht. Ich selbst war lange von Luther geprägt: Für Luther waren die Bauern „mörderische Rotten“ und gegen Gottes Ordnung. Die Freiheit, die sie wollten, nicht nach dem Evangelium. Stimmt, sie waren bewaffnet und es gab Gewalt. Aber die Zehntausenden von Toten, die gehen auf das Konto der Fürsten.

Uffrur ist mir dann auch wiederum zu wenig für das, was geschehen ist. Daraus wurde dann mehr.
Also in Ermangelung eines besseren Begriffes würde ich es bei Bauernkrieg belassen.
Von Bauernseite wäre vielleicht der UFFRUR besser formuliert und von der Feudalherrenseite vom schwäbischen Bund dann eher der Krieg.

Worte prägen wie wir sehen. Nicki Schaepen prägt auch, dass er aus einer Arbeiterfamilie kommt. Sein Studium hat ihn davon eher entfernt. Dann hat er sich entschieden, Priester zu werden. Die Berufung aufs Land hat ihm wieder einen anderen Blick gegeben. ZB. wieviel Menschen da schaffen, vor allem auch Frauen.

Ich habe hier in der Pfarrei einige Bauernfamilien und wenn ich da sehe, was beispielsweise grade die Frauen leisten. Es verändert sich die Wahrnehmung der Schöpfung, auch Gleichnisse Jesu kriegen natürlich einen ganz realeren Bezug. Wenn man tatsächlich mit den Sorgen der Landwirte vertraut wird.

Die Erinnerung an den Bauernkrieg fokussiert seine Aufmerksamkeit heute. Und ein Wort von Jesus hilft ihm auch zu sehen. „Ihr werdet immer Arme bei Euch haben,“ hat der gesagt. „Bei Euch“. Arm, das kann materiell bedeuten. Viele fühlen sich aber auch ohnmächtig, übersehen.

Viele, die finanziell nicht gut aufgestellt sind oder auch soziale Not leiden, verbergen diese.
Da Hilfe leisten zu können, ohne dass die Hilfe von oben herabkommt
. Das Individuum in all seiner Würde auch ernst nimmt. Ganz nahe dran zu sein, und zwar nicht nur einer gewissen Schicht, da finde ich ist es sehr gut für jemanden, wenn er selber auch Landwirte in seiner Pfarrei hat, die kämpfen zum Teil sehr stark.
Aber es ist ja nicht nur auf die Landwirte beschränkt. Das bezieht sich auf alle Altersschichten. Gerade auch diese Coronazeit hat in Schülern vieles ausgelöst.

Ich finde ermutigend, wie klar Nicki Schaepen den Auftrag für sich und die Kirchen beschreibt: Menschen sehen, ihre Sorgen und Verletzlichkeit, begleiten und für sie eintreten. Zu jeder Zeit neu.

Gleichzeitig wollen wir uns aber nicht abgeben oder abfinden mit, das ist halt so und kann man nichts machen, sondern wir wollen natürlich uns auch einsetzen, um unserem Auftrag gerecht zu werden, der hat auch soziale Komponenten immer schon gehabt und jetzt in dieser Zeit sehr viel mehr. Zu schauen, dass es Gerechtigkeit gibt. Gerade, auch wenn du mich herausforderst, will ich dir auch so begegnen, wie es dir zusteht und ich nehm dich an in Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, würde man heute sagen.

Ausstellungstipps:
UFFRUR - Ausstellung bis Oktober – Kloster Bad Schussenried
https://www.bauernkrieg-bw.de/

Deutsches Bauernkriegsmuseum Böblingen
https://bauernkriegsmuseum.boeblingen.de/start.html

Freyheit 1525 Landesausstellung Thüringen (Mühlhausen)
https://www.bauernkrieg2025.de/de/die-ausstellung

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42196
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