SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

18MAI2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor ein paar Wochen habe ich eine Änderung in den Einstellungen meines Smartphones vorgenommen. Ich habe den Vibrationsalarm ausgeschaltet. Was nach einer Kleinigkeit klingt, hat ganz schön was verändert.

Meine Frau hatte mir diesen Vorschlag schon vor einer ganzen Weile gemacht. Ich habe das lange nicht für notwendig gehalten. Hauptsache, es klingelt nicht im unpassenden Moment laut. Dann ist doch alles in Ordnung. Oder?

Im Rückblick sehe ich mich mit meiner Familie am Esstisch sitzen. Bei uns zuhause ist das Smartphone-freie Zone. Aber ganz egal, wo ich mein Handy vorher abgelegt hatte. Der Eingang von neuen Nachrichten ist mir nie entgangen.

Es vibriert. Und ruckzuck bin ich mit meinen Gedanken ganz woanders. Nicht mehr bei der Familie, sondern bei anderen Menschen. Wer könnte sich da gemeldet haben? Ist es die Antwort auf meine so wichtige Frage für kommenden Freitag? Oder braucht jemand dringend etwas von mir? Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Flucht vom Esstisch mit einem Toilettengang plane. Nur mal ganz kurz meine Nachrichten checken.

Jetzt ist der Vibrationsalarm aus. Und ich genieße die Ruhe mehr, als ich es vorher für möglich gehalten hätte. Ich verpasse Anrufe und Nachrichten. Und die Welt ist noch nicht untergegangen. Mir hat diese kleine Änderung enorm geholfen, mich deutlich weniger vom Smartphone und den Bedürfnissen anderer steuern zu lassen.

Jesus hatte noch kein Smartphone. Aber auch von ihm wollten viele Menschen etwas. Sie kamen mit all ihren Fragen, Erwartungen und Bedürfnissen. Und tatsächlich war auch Jesus nicht die ganze Zeit erreichbar. Er zog sich regelmäßig zurück, um allein zu sein und zu beten.

Einmal war wieder richtig viel los. Jesus hatte gepredigt, mit den Leuten geredet und Menschen gesund gemacht. Und auf einmal ist er weg. Die Jünger von Jesus begreifen es nicht. Gerade läuft es richtig gut. Erfolgreich könnte man sagen. Wie kann Jesus jetzt nicht da sein? Diese Welle muss doch weiter geritten werden.

Als die Jünger Jesus finden, platzen sie sofort damit heraus: „Alle suchen dich.“ Jesus interessiert das allerdings nicht. Er enttäuscht die Erwartungen der Menschen und wohl auch die Erwartungen seiner Jünger. Weiter geht´s, an einen anderen Ort.

Auch ich enttäusche manchmal sicherlich die Erwartung nach Erreichbarkeit. Und doch gewinne ich viel mehr: ich fühle mich aufmerksamer in Begegnungen, präsenter in Meetings und konzentrierter in meinen Arbeitsphasen. Der Vibrationsalarm bleibt jedenfalls aus. Und vielleicht schalte ich als Nächstes auch noch die Push-Nachrichten aus.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42190
weiterlesen...