SWR Kultur Wort zum Tag

16MAI2025
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Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir Mitte der 60er Jahre auf der langen Fahrt zu den Großeltern ins Lipperland im Auto gesungen haben. Alte Volkslieder rauf und runter, ich kann sie noch heute auswendig.

Manchmal ist es wie früher, einfach, weil das Autoradio ausfällt. Ich war mit einer Freundin auf Kreta unterwegs. Wir hatten ein klappriges Gefährt gemietet. Gas und Bremse funktionierten halbwegs, nicht so das Autoradio. Und so haben meine Freundin und ich angefangen, im Auto zu singen. Blowing in the wind, der Mond ist aufgegangen, O happy day… Es hat richtig Spaß gemacht. Irgendwo auf einer kurvigen Bergstrecke mit Blick auf das Mittelmeer hat meine Freundin mir das Lied „Vertraut den neuen Wegen“ beigebracht. Als wir abends wieder in unserem Hotel angekommen sind, hatte es das Lied schon in mein Herz geschafft. Die englische Sprache hat ja diesen schönen Ausdruck für etwas, das man auswendig kann: to know something by heart. Für mich ist das Lied „Vertraut den neuen Wegen“ zu meinem Herzenslied geworden.

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.

Ich bin nicht die Erste, der es so gegangen ist. Das Lied hat offenbar die Fähigkeit, sich ganz schnell in die Herzen von Menschen zu stehlen. Ursprünglich ist es für eine Hochzeit gedichtet worden. „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.“ Ein Theologieprofessor hat es in der damaligen DDR für sein geliebtes Patenkind gedichtet, das 1989 in Eisenach Hochzeit gefeiert hat. Gäste haben das Lied mit nach Hause genommen und in ihren Gemeinden bekannt gemacht. In Windeseile hat es sich in der ganzen DDR verbreitet, und das in den Zeiten der Diktatur. In der dritten Strophe heißt es: Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit. Ich stelle mir vor: Die Leute haben es in den Kirchen gesungen, bei den Demonstrationen gegen das Regime, sicher auch im Auto. Als Volkslied, als Protest gegen die Diktatur. Ein Lied trifft den Nerv der Zeit! Zwei Monate später fällt die Berliner Mauer. Die Tore stehen offen!

Ganz gewiss wird dieses Lied auch im nächsten neuen evangelischen Gesangbuch zu finden sein. Und es wird, ganz bestimmt, wieder den Weg in Herzen finden. Und die Hoffnung nähren, dass die Welt nicht den Diktatoren gehört, sondern Gott und seinen Menschen, wo auch immer sie sich auf den Weg machen. Auf Kreta, auf einer Straße im Lipperland. In Eisenach. Vertraut den neuen Wegen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42176
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