SWR Kultur Wort zum Tag
Von meinen Erlebnissen auf dem 39. Deutschen Evangelischen Kirchentag könnte ich Ihnen stundenlang erzählen. Aber keine Sorge, ich will mich heute und morgen auf zwei meiner Highlights beschränken. Auf jeden Fall hat es gutgetan, ein paar Tage lang zu erleben, wie viele Menschen es sind, die sich trotz aller Herausforderungen nicht vom Glauben abbringen lassen.
Auch an diesem Abend ist die Halle rappelvoll, obwohl der Tag schon lang war. Alle Vortragenden haben den roten Kirchentagsschal mit der Aufschrift „mutig – stark – beherzt“ um den Hals. Überwiegend junge Leute sind in der Halle und sie sind gespannt. Der Abend heißt „F*ck-Up-Night“. Und es geht dabei ums Scheitern. Nicht um das der Ampelkoalition oder der Beziehung von Promis, sondern ums eigene Scheitern.
Eine junge Frau, ich nenne sie Kati, hat mich besonders beeindruckt. Sie erzählt, dass sie in ihrem Leben schon häufig in dunkle Löcher abgerutscht ist. Am Anfang hat sie das gar nicht so gemerkt. Aber dann ist es immer schlimmer geworden, ganze Tage hat sie es nicht geschafft, aus ihrem Bett zu steigen, geschweige denn nach draußen zu gehen. Alles war ihr zu laut, zu grell, zu lebendig. Auch wenn sie damals noch keine Worte dafür hatte, litt sie an einer schweren Depression. In ihrer christlichen Community haben ihr die Leute gesagt: „Keine Sorge, Gott rettet dich, der holt dich da wieder raus!“
Und sie hat das am Anfang auch geglaubt. Sie hat gebetet und Gott angefleht, er möge ihr helfen und sie aus dem Loch rausholen. Aber es hat nicht geklappt. Jahrelang hat sie gedacht: Ich bin selbst schuld daran, ich glaube zu wenig. Es war eine Befreiung, als Kati verstanden hat, dass das so nicht läuft. Sie hat mittlerweile gelernt, mit depressiven Phasen in ihrem Leben umzugehen und damit zu leben. Eine Therapeutin begleitet sie nun schon länger dabei.
Heute ist Kati überzeugt: Gott ist gerade dann bei ihr, wenn sie sich schwach und zerbrechlich fühlt. Sie muss nicht besonders viel beten, damit Gott da ist. Es ist genau umgekehrt. Egal wo sie ist, harrt Gott mit ihr aus. So sagt sie es selbst.
Gerade in den dunklen Löchern ist Gott bei ihr, bis sie es wieder rausschafft ans Licht. Heute weiß Kati auch, dass ihr Musik hilft, frische Luft und Auspowern beim Sport, um die dunklen Täler fern zu halten. Eine Garantie ist das aber nicht.
Kati kann erst seit einiger Zeit offen über ihre Krankheit reden, so wie an dem Abend auf dem Kirchentag. Ich bewundere sie dafür, dass sie ihre Geschichte auf der Bühne erzählt hat. Und ich feire sie dafür, dass sie heute sagen kann: „Ich bin von Gott geliebt, so wie ich bin!“
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