SWR1 3vor8
Ab und zu spiele ich gern mit ein paar Freunden das Rollenspiel Dungeons and Dragons. Ich mag daran, dass man in eine andere Rolle schlüpft und sich aussuchen kann, welche Fähigkeiten und Eigenschaften die Figur haben soll. Dabei habe ich etwas begriffen: Weisheit und Intelligenz sind nicht das Gleiche. Beide Eigenschaften kann man seiner Figur im Spiel geben, aber die Auswirkung ist ganz unterschiedlich: Der intelligente Charakter weiß, dass eine Tomate eine Frucht ist, ein Charakter mit Weisheit erkennt, dass die Tomate trotzdem nicht in den Obstsalat gehört.
„Intelligenz - das ist in dem Spiel das, was man weiß und lernen kann, Bücherwissen, Sprache, zum Beispiel. Eine Figur kann also hochintelligent sein, aber trotzdem unweise handeln. Und umgekehrt beschreibt „Weisheit“ eher die Kunst den richtigen Weg einzuschlagen, gute Entscheidungen zu treffen, richtig und falsch zu unterscheiden.
Von einer Weisheit, wie man ein gutes Leben führt, handelt auch der Bibeltext, über den heute in vielen evangelischen Gemeinden heute gepredigt wird.
Es ist ein Loblied auf die Weisheit, das so in der Bibel einmalig ist. Der Autor lässt die Weisheit wie eine Person von sich selbst sprechen: „22Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. 23Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.“ Die Weisheit beansprucht hier einen Rang, wie ihn sonst kaum etwas in dieser Welt hat. Und darum rät die Weisheit im Sprüchebuch auch dringend, auf sie zu vertrauen.
Hier kommt die Überzeugung zum Ausdruck: „Wer nach Weisheit sucht, der führt ein gutes Leben. Wer die Weisheit nicht zu schätzen weiß, nicht nach ihr fragt, der führt ein selbstzerstörerisches Leben. Gar nicht so weit vom Dungeons and Dragons entfernt: Dort hilft Weisheit Gefahren früh zu erkennen und im richtigen Moment die Entscheidung zu treffen. Aber wie wird man weise?
Ein paar Verse weiter gibt es einen Hinweis: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit.“ Ich verstehe das so: Wer nicht nur sich selbst zum Maßstab hat, sondern bereit ist auf etwas Größeres zu schauen, der ist weise. Wer hinhört, wer erkennt, wo die eigenen Fähigkeiten und die eigenen Grenzen sind. Und: Wer einsieht, dass es keine einheitliche Antwort gibt, was es heißt, weise zu sein. Sondern, dass gerade das die Herausforderung der Weisheit ist: Dass sie für jeden Lebensweg etwas anderes bedeutet, auch wenn sie von der gleichen Quelle kommt.
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