SWR1 3vor8

04MAI2025
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„Liebe macht blind“! Ein bekanntes Sprichwort. Wer einen anderen abgöttisch liebt, so unterstellt der Spruch, hat nur noch Augen für diesen geliebten Menschen. Blendet all seine Schattenseiten, all die Unzulänglichkeiten, die jeder von uns nun mal hat, einfach aus. Und wo Liebe völlig blind macht, ist das Verderben im schlimmsten Fall nicht weit.

Genau anders herum erzählt es dagegen eine Geschichte, die heute Morgen in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Jesus ist tot und sieben seiner Jünger, die große Hoffnungen in ihn gesetzt hatten, sind nun zurück am See Genezareth. Dort haben sie mal als Fischer gearbeitet und jetzt tun sie es wieder. Doch in der Morgendämmerung dieses Tages will ihnen einfach kein Fisch ins Netz gehen. Da entdecken sie einen Mann, der allein am Ufer steht. Er spricht sie an und rät ihnen: „Werft das Netz auf der rechten Seite aus, dann wird’s was.“ Kurz darauf ist das Netz so voll, dass sie es gar nicht mehr einholen können. Und dann sagt der Jünger, der Jesus am innigsten verbunden war: „Es ist der Herr!“, also Jesus. (Joh 21,1-14)

Vordergründig wird da eine Geschichte erzählt, wie Jesus, der vom Tod auferstanden ist, seinen Freunden erscheint. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dieser Geschichte noch mehr. Da wird mir etwa gesagt: Es gibt eine Auferstehung vom Tod. Aber die ist ganz anders, als man sich das vielleicht vorstellt. Denn die, die drei Jahre lang jeden Tag mit ihm zu tun hatten, erkennen den Auferstanden jetzt nicht mehr. Das kann heißen: Seine irdische Gestalt, mit der sie ihn kannten, ist vergangen, gestorben. Sie war einmalig, kommt nicht mehr wieder. Und so spürt auch nur einer der sieben Jünger im Boot, dass es der verstorbene Freund ist. Dass er lebt, wenn auch ganz anders als zuvor. Es ist der Jünger, der ihn am meisten geliebt hatte.

Verliebt sein, das kann blind machen. Wirkliche Liebe nicht. Liebe macht sehend. Wer wirklich liebt weiß, dass der Tod eine Zäsur ist. Dass er all das zerstört, was mich mit dem verstorbenen Menschen irdisch verbunden hat. Aber wirkliche Liebe kann und will nicht hinnehmen, dass ein geliebter Mensch damit einfach weg ist. Wer liebt spürt oft im Herzen, dass da eine Verbindung ist, die bleibt. Auch über den Tod hinaus.

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