SWR Kultur Lied zum Sonntag
„Herr! schicke, was du willst, ein Liebes oder Leides; ich bin vergnügt, daß Beides aus Deinen Händen quillt.”
Wer so betet, der gibt sich ganz hin. Er weiß: Nicht alles geht nach Wunsch. Aber: Auch das Unerwünschte nimmt sich leichter aus Gottes Hand.
Leid aus Gottes Hand? Das ist für mich ein schwer zu ertragender Gedanke! Doch dieser Beter bittet: Gott, teile du mir zu, was ich tragen kann! Und gib mir dann auch die Kraft, es zu tragen.
Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß Beides
Aus Deinen Händen quillt.
Der schwäbische Pfarrer und Dichter Eduard Mörike hat dieses Gebet geschrieben. Und der aus Köln stammende Komponist Max Bruch hat es als Chorlied vertont. Nun vereinigen sich mehrere Stimmen zum Gebet.
Eine wichtige Entscheidung hat Bruch gleich am Anfang getroffen. Die im gesprochenen Text unbetonte Anrede: „Herr! schicke, was du willt …“ – wird in diesem Chorsatz gleich dreimal gesungen und – sich steigernd – am Schluss besonders betont: „Herr! – Schicke, was du willt …!“ Damit zeigt die Musik an, warum der Beter sich so hingeben kann: Er gibt Gott sein Leben in die Hände, nennt Gott seinen Herrn – und nimmt nun aus Gottes Händen Freude und Schmerz, „ein Liebes oder Leides“.
Aber – so die Bitte – doch von beidem nicht zu viel:
Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
So beginnt eine ältere Strophe, in einem anderen Rhythmus. Mörike hat sie als junger Schriftsteller einer seiner Romanfiguren in den Mund gelegt und erst viele Jahre später mit dem Gebet verbunden: „Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten! Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden.“
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.
Dieses Gebet und seine Vertonung stammen aus dem 19. Jahrhundert. Mir ist beides auch heute wichtig: die Demut, auch das Schwere aus Gottes Händen nehmen zu wollen – und die Weisheit, dass beide ihr rechtes Maß finden müssen. Ich finde, so eine maßvolle, weise Demut macht frei. Ich quäle mich dann mit dem Leiden nicht mehr so ab. Ich weiß: Das Leid muss ein Maß haben. Aber die Freude auch. So viel, wie ich eben tragen kann. Alles andere soll Gott tragen. Er ist der Herr. Er wird mich nicht im Stich lassen.
Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß Beides
Aus Deinen Händen quillt.
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Gebet (Eduard Mörike / Max Bruch)
Komponist
T: Eduard Mörike
M: Max Bruch
Satzfassung: Klaus-Martin Bresgott
Mörike, Eduard / Bruch, Max: Gebet; Athesinus-Consort Berlin / Klaus-Martin Bresgott; CHORAL:GUT. 500 Jahre Evangelischer Choral; felicitas-records; LC 83632
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42038