SWR Kultur Zum Feiertag

18APR2025
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Ein Gespräch von Alexander Foitzik mit Prof. Dr. Magnus Striet.

 

Foitzik:

Zum Karfreitag spreche ich mit Magnus Striet. Er ist Professor für Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie an der Katholisch Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.

 

Vor ein paar Jahren haben Sie, Magnus Striet, ein sehr inspirierendes Büchlein veröffentlicht mit dem Titel „Gottes Schweigen: Auferweckungssehnsucht- und Skepsis“. Darin erinnern Sie sich anschaulich, ja liebevoll, welche besonderen Rituale die Kartage, den Karfreitag, bestimmt haben in ihrer Kindheit im Westfälischen Rheine. Sie schreiben, diese Erinnerungen prägen Sie bis heute?

 

Striet:

Ja, das ist in der Tat so. Die Karfreitagsstimmung war immer von einer eigentümlichen Kargheit geprägt, es war ruhiger als an anderen Tagen, es gab auch ein besonderes, sehr reduziertes Essen. Aber wir Kinder haben das immer sehr geliebt, so dass wir uns in der Tat auf diesen Punkt gefreut haben. In die Karfreitagsliturgie bin ich nie gerne gegangen, weil mir das immer zu dunkel war, und ich auch nie verstanden habe, was das mit diesem Sühnetod auf sich haben soll.

 

Foitzik:

Der Theologe Magnus Striet schaut heute aber ganz anders auf diese Kartage, den heutigen Karfreitag. Worin sehen Sie die Kernbotschaft des heutigen Festes?

 

Striet:

Zunächst einmal muss man sagen, dass wir historisch wissen, dass Jesus seinen Tod nicht gewollt hat, sondern am Ende in dieser aufgeheizten Religionskultur, in dieser aufgeheizten Atmosphäre von Jerusalem riskiert hat. Das heißt, er hat eine bestimmte Botschaft mit seinem Tod verbunden, aber er hat die nicht im ausdrücklichen Sinne gewollt. Sondern als sich der Konflikt um seine Person und damit auch um seine Gottesbotschaft zuspitzte, hat er ihn auf sich genommen. Und das ist etwas grundlegend anderes als das, was die Tradition immer behauptet hat.

 

Foitzik:

Mit dem Karfreitag sind traditionell bestimmte Glaubensaussagen verbunden. Jesus wurde für uns gekreuzigt, erlitt einen stellvertretenden Sühnetod. Jesu Leiden am Kreuz bietet offenbar dem über den Menschen erzürnten Gott Genugtuung. Vielfach haben Sie, Professor Striet, die fatale Wirkungsgeschichte dieser Theologie beschrieben. Lässt sich mit wenigen Sätzen sagen, worin die besondere Problematik dieser Sühnethologie besteht?

 

Striet:

Man hat sich das so vorgestellt, dass der Mensch im Paradies lebend sich gegen Gott versündigt hatte, sozusagen dass hier eine erste Auflehnung gegen Gott stattgefunden hat, und dass diese erste Auflehnung die Auflehnung Adams, der nun selbst sein wollte wie Gott, schuldhaft anrechenbar auf die ganze Menschheit hinübergegangen sei. Und jetzt hat man die Vorstellung entwickelt, dass Gott für sich selbst ein Sühneopfer braucht, um sich überhaupt mit der Menschheit versöhnen zu dürfen. Darin hat er vermeintlich seine Barmherzigkeit verstanden, da der Mensch als Geschöpf aber seinen Schöpfer immer bereits alle Ehrerbietung schuldete, musste nun ein Gottmensch also der Sohn Gottes her, um das notwendige Sühneopfer am Kreuz zu bringen. Das ist nun überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Denn erstens hat es einen solchen guten Urzustand nie gegeben, das wissen wir aus evolutionstheoretischen Wissensbedingungen. Und zweitens hätte ein Gott, der ein solches Opfer für sich braucht, sich selbst moralisch diskreditiert, und deshalb muss man völlig neu denken.

 

Foitzik:

Viele von uns Durchschnittsgläubigen können kaum verstehen, wie und von was Jesus uns erlöst haben könnte, indem er diesen grauenvollen Tod erlitten hat. Wie lässt sich heute die erlösende Tat Jesu am Kreuz verständlich beschreiben, ohne eben vom sühnenden Opfer zu sprechen?

 

Striet:

Wir müssen zur Beantwortung dieser Frage nochmals kurz auf den historischen Jesus zurückzugehen, so viel wir überhaupt über ihn wissen können. Wir wissen ja nur etwas über die frühe Gemeindebildung. Dieser Jesus hat sich vor allem den Menschen zugewandt, die am Rande der Gesellschaft standen, die als Sünder und Sünderinnen diskriminiert waren und ihnen die heilsame Botschaft Gottes zugesagt: „Gott ist mit ihnen“. So dass diese Menschen bereits jetzt aus diesem Glauben heraus leben konnten, und genau für diesen Gott hat Jesus diesen Tod erlitten, ist sozusagen seinen Weg konsequent bis ans Kreuz gegangen, so dass wir in einer modernen Theologie sagen können: Weil Gott so offenbar geworden ist, dass er nichts unversucht gelassen hat, um die Menschen von sich zu überzeugen, braucht es auch keine Zweifel mehr, dass Gott auch in alle Ewigkeit hinein so für den Menschen da sein will. D.h. Gottes Selbst-offenbar-werden als diese Liebe ist unsere Erlösung und das hat nichts mehr mit einem sühnenden Tod am Kreuz zu tun.

Fotizik:

Wenn wir auf die Frömmigkeitsgeschichte zurückblicken, hatte der Karfreitag nicht immer auch noch diese problematische Bedeutung? Dass nämlich mit dem Leiden Jesu auch das Leid und das Leiden der Menschen sozusagen überhöht wurde.

 

Striet:

In der Tat hat es eine Leidensmystifizierung gegeben, weil man immer das Leiden der einzelnen konkreten Menschen, also unser Leiden, abgeglichen hat mit dem Leiden Christi, das da viel größer sei als das Leiden von uns Menschen, da er ja die Sündhaftigkeit der Menschen auf sich genommen habe. Das hat fatale Auswirkungen gehabt. Ich mache es an einem Beispiel deutlich. Wenn heute Menschen an Depression erkranken, dann wissen wir, wir haben hier tatsächlich ein sozusagen pathologisches medizinisches Problem. In vergangenen Jahrhunderten waren die, die zutiefst melancholisch waren, nochmals als Sünder und Sünderinnen denunziert, weil man Ihnen gesagt hat, dass du die Erlösung von Gott nicht annimmst, ist der Grund dafür, dass du heute diese Melancholie zeigst. Das ging soweit, dass man Menschen die sich selbst suizidiert haben, außerhalb der Friedhofsmauern begraben hat.

 

Foizik:

Hat da der Karfreitag umgekehrt auch eine Hoffnungsbotschaft für uns, obwohl im Zentrum das Kreuz steht, ein Folterinstrument?

 

Striet:

Zunächst einmal bleibt auch das Kreuz Jesu ein Kreuz, das nie hätte sein sollen, sowie die vielen anderen Kreuze der Weltgeschichte. Das Hoffnungsvolle des Karfreitags ist, dass dieser Tag natürlich eingebunden ist und bleibt in die sozusagen Liturgie, die ja deutlich vorher schon beginnt. Und man letztlich als gläubiger Christ, gläubige Christin den Karfreitag feiert im Licht der österlichen Erfahrung, von der die ersten Gemeinden gesprochen haben, also dass Gott sich zu dem Gekreuzigten, Auferweckten bekannt hat. Deshalb darf man diese Feiertage auch nie isolieren. Der Karfreitag bleibt das Nicht-sein-sollende im Licht des österlichen Glaubens. Deutet sich aber hier bereits an, dass Gott mit diesem Tag ein Zeichen gesetzt hat, über das hinaus keine größere Liebe mehr denkbar ist unter den Bedingungen der Geschichte, weil dieser Jesus bis ins Letzte sich und damit seinen Gott riskiert hat.

 

Foitzik:

Der Karfreitag ist, wie Sie gesagt haben, eingebettet in die sogenannten heiligen drei Tage, Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern. Wie wichtig ist es, den Karfreitag als eigenständigen Feiertag zu begehen und nicht nur als Vorspiel vor Ostern?

 

Striet:

Die Eigenständigkeit des Karfreitags ist aus drei Gründen unbedingt aufrecht zu erhalten. Erstens verstehen wir überhaupt nicht, warum es zu diesem Tod gekommen ist, wenn wir nicht das Leben Jesu mitrechnen, d.h. wir müssen den Karfreitag auf der Linie des Lebens Jesu lesen. Der zweite Punkt: Ich hatte es bereits versucht anzudeuten, der Karfreitag Jesu steht auch für die vielen anderen Karfreitage der Weltgeschichte, und zwar für Karfreitage, die bis heute zu beobachten sind: grauenhafte Kriegssituationen, die Lieblosigkeit und so weiter und so fort, die tagtäglich zwischen Menschen herrscht. Das Scheitern von Menschen - und auch dafür steht der Karfreitag. Der dritte Punkt ist, und der ist mir sehr wichtig. Im 21. Jahrhundert ist der Glaube an einen solchen rettenden Gott natürlich immer auch von einem gewissen Zweifel begleitet. Kann es wirklich sein, dass ein Gott existiert, der sich nach diesen Milliarden Jahren des Universums so Menschen zugewandt zeigt? D.h. in gewisser Weise steht für mich jedenfalls, und ich vermute auch für viele Menschen, die von einem Zweifel begleitet sind, ob dieser Gott überhaupt existiert, der Gott auch für den grundlegenden Zweifel, der in der Moderne den Glauben begleitet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41972
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