SWR1 3vor8

18APR2025
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Kein Tag fühlt dem Christentum so auf den Zahn wie der Karfreitag heute. Weil heute der gekreuzigte Jesus im Mittelpunkt steht wie sonst nie. Und die Christen darauf ihren Glauben bauen. Gott lässt zu, dass Jesus stirbt. Jesus wählt ausdrücklich diesen Weg, weil er weiß, dass er ohnehin nicht daran vorbeikommt. Und Gott lässt es nicht nur zu, sondern geht mit ihm in den Tod. Christen glauben an einen Gott, der in der Ohnmacht, im Tod zeigt, wer er ist.

An Karfreitag wird in den katholischen Gottesdiensten stets die Johannespassion vorgetragen. Sie unterscheidet sich von der Leidensgeschichte wie die anderen drei Evangelisten sie erzählen. Zwar beschreibt auch Johannes, wie Jesus zu Unrecht verurteilt und gedemütigt wurde und einen qualvollen Tod stirbt. Aber zwischen den Zeilen merkt man, wie er den Akzent verschiebt. Deutlicher als die anderen zeigt er, dass der, der da am Kreuz stirbt, ein Sieger ist. Sieger über den Tod. Der Gekreuzigte trägt bei Johannes eine Krone, die nicht aus Dornen ist. So wie die Künstler der Romanik dies stets in ihren Gemälden darstellen.

Es bleibt dabei, auch bei Johannes: Jesus stirbt. Er ist Gottes Erwählter, ja sein geliebter Sohn. Aber eben ohne jene Macht, auf die unsere Welt aufgebaut ist. Er hat keine Armee, kein Geld, keinen Status. Am Ende hat er kaum noch Freunde. Und es ist der Christen-Glaube, dass Gott eben auf diese Weise zeigt, worauf es ihm ankommt. Dass die Letzten bei ihm an erster Stelle stehen[1]. Dass der gewinnt, der schwach ist und bereit, seine Schwäche zu zeigen[2]. Dass die Liebe stärker ist als der Tod[3] und womöglich erst dort ihre wahre Größe zeigen kann, wo einer bereit ist, sein Leben für seine Freunde hinzugeben[4].

Das letzte Wort, das Jesus am Kreuz spricht, lautet in der Passion des Johannes: Es ist vollbracht[5]. Mich hat dieses Wort früher ratlos zurückgelassen. Es ist aus mit Jesus, sein Leben auf der Erde ist vorbei. Wenn das mit „vollbracht“ gemeint sein soll… Zufrieden war ich damit nicht, bis ich verstanden habe: Jesus spricht da gar nicht selbst. Es ist die Stimme Gottes, die da aus ihm spricht. Oder wenn ich es noch radikaler sagen soll: Gott selbst spricht da am Kreuz. Erst jetzt – im Tod - ist vollkommen zu erkennen, wie er ist. Ein Gott, der ganz im Menschen ist, der überall mit uns hingeht, der uns durch den Tod die Tür zu neuem Leben öffnet.

 

[1] Vgl. Matthäus 20,16

[2] Vgl. 2. Korintherbrief 12,9

[3] Vgl. Hohelied 8,6

[4] Vgl. Johannes 15,13

[5] Johannes 19,30

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