SWR1 3vor8

13APR2025
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Von klein auf kenne ich das „Vater unser“ – das Gebet von Jesus für seine Anhänger. Es gehört zu jedem Gottesdienst dazu, und ich habe ich es schon oft gebetet, und – zugegeben - manchmal fast mechanisch.

Bis eines Tages mich jedes einzelne Wort getroffen hat – bis ins Mark. Mich gepackt und fast geschüttelt hat mit aller Wucht seiner Bedeutung.

„Vater unser im Himmel“ – Das war, als ich vor ein paar Jahren das Grab meiner Großtante Olga besucht habe. Es befindet sich in Dänemark. Vor 80 Jahren ist sie dort gestorben – auf der Flucht aus Ostpreußen, in einem Auffanglager kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Hals über Kopf hatte sie aufbrechen müssen und alles zurücklassen, was doch ein paar Stunden zuvor noch Heimat war: ihr Zuhause, ihre Familie. Ihre Kräfte reichten nur bis Dänemark. Dort liegt sie in einem Gräberfeld für Flüchtlinge, zusammen mit anderen Frauen, Kindern, Babys und ein paar Soldaten im Teenager-Alter.

An einem wunderschönen Spätsommertag stehe ich dort und fühle mich meiner Tante nahe, obwohl ich sie ja nie getroffen habe. Da beginnt in der benachbarten Kirche die Vater-Unser-Glocke anzuläuten. Gerade ist dort im Gottesdienst, und die Glocke zeigt, dass gerade das Vater-unser gebetet wird. Und ich fange an, mitzubeten: „Vater unser im Himmel – sei da, wenn hier auf Erden kein Vater und keine Mutter mehr trösten können...“

„Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.“ Und ich denke: Und nicht das Reich irgendwelcher Despoten, die bereit sind, für ihren eigenen Ruhm andere zu vertreiben, zu töten. Nicht deren Wille - nein – DEIN Wille geschehe.

„Herr, gib uns unser tägliches Brot“ unser tägliches Auskommen. Um mehr zu bitten, ist nicht nötig – nicht wichtig. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – weil Vergebung wie ein Neuanfang ist. Und uns befreit von Rachegedanken und Vergeltung.

„Herr Gott – Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.“ Zu diesem Reich gehöre ich. Und zu diesem Reich gehört meine Großtante. Sie und alle anderen, die jemals überwältigt worden sind von der Bosheit in dieser Welt. Ich schließe mit meinem Gebet: „Herr: dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit - in Ewigkeit Amen.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41970
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