SWR1 3vor8

06APR2025
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Der Stab ist schnell gebrochen. Über Leute, die nicht ins Raster passen, nicht meinen Vorstellungen entsprechen. Weil sie anders aussehen oder ticken. Anders leben oder lieben wollen. Sich nicht penibel an Regeln halten, die mir wichtig sind. Wenn ich ehrlich bin, ertappe ich mich auch selbst immer mal wieder, dass ich abwertend und auch urteilend über andere denke. Vor allem, wenn ich die Leute gar nicht kenne. Dass das offenbar nicht nur bei mir so ist, zeigt der Volksmund, der dafür einige Sprichwörter gefunden hat: „Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“ Oder: „Kehr erst mal vor deiner eigenen Tür.“ Die Angewohnheit, über andere zu urteilen, ohne sie und ihre Beweggründe zu kennen, hat schon Jesus kritisiert. Hat seine Zuhörer ermahnt, nicht zu urteilen, damit auch über sie selbst nicht geurteilt wird. Stattdessen sollen sie Fehler vergeben. Gegenseitig. Am nachdrücklichsten wird das, wo es um alles geht, um Leben oder Tod. Etwa in der biblischen Geschichte einer Frau, die in flagranti beim Ehebruch ertappt wurde. Von ein paar Männern wird sie deshalb zu Jesus geschleppt. Es ist ein Vergehen, auf das im jüdischen Gesetz damals der Tod durch Steinigen stand – und zwar nicht nur für die Frau, sondern für beide Beteiligten.
Für Jesus, der sich dazu verhalten soll, ist es eine Falle. Verurteilt er das Vergehen nicht, setzt er sich über das Gesetz hinweg, das ihm selbst heilig ist. Unterstützt er hingegen das Todesurteil, erscheint alles zweifelhaft, was er über den barmherzigen Gott gesagt hat. Eine Zwickmühle. Zu dem, was der Frau vorgeworfen wird, schweigt Jesus. Doch was er sagt ist so einfach wie genial: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein.“ Niemand rührt sich. Stattdessen verlässt einer nach dem anderen wortlos den Platz.
Es ist ein Lehrstück über eine Tugend, die zum Kern des Christlichen gehört: Barmherzigkeit.
Barmherzigkeit ist kein wurstiges „Passt schon. Schwamm drüber!“ Barmherzigkeit nimmt Versagen und Schuld absolut ernst. Aber wer barmherzig ist, ist sich immer bewusst, dass kein Mensch makellos und fehlerfrei ist. Jeder auch selbst mal auf Milde und Barmherzigkeit angewiesen ist. Barmherzigkeit ist das Gegenstück zum gnadenlosen Furor, der sich immer öfter in der Gesellschaft austobt. Ganz besonders in sozialen Netzwerken, wo Gegner oder Andersdenkende niedergemacht werden. Am Ende der biblischen Geschichte steht Jesus mit der Frau alleine da und sagt zu ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh nach Hause und sündige von jetzt an nicht mehr!“

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