SWR1 Begegnungen

06APR2025
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Madeleine Dietz Foto: privat

Peter Annweiler trifft die Bildhauerin Madeleine Dietz

Teil 1: Ihre Materialien

Ich besuche die 71-jährige Künstlerin in Landau in ihrem Atelier. Da riecht es nach Erde, denn damit arbeitet die Bildhauerin. Egal ob geschüttet, geschichtet oder gekrümelt: Erde ist ihr Markenzeichen. Und sie ist staub-trocken. Denn genau damit regt Madeleine Dietz die Betrachter an.

Ich hoffe, dass Menschen darüber nachdenken, wenn sie getrocknete Erde sehen: Was passiert mit ihr? Ich nehme die Menschen quasi mit und bitte sie, mitzudenken und mitzuarbeiten. Und vielleicht kommen sie dann auch die Idee, dass die Erde gegossen werden könnte. Und dass dann wieder alles möglich ist, was vorher aussah, wie wenn es vertrocknet wäre.

Getrocknete Erde – ohne künstlerischen Anstoß scheinbar ohne großen Wert. Madeleine Dietz macht Behälter dafür. Sie schweißt schwere Stahlplatten zusammen und schafft „Tresore“, um sie  „nur“ mit getrockneter Erde zu füllen.

Beim Blick auf ihre Kunst wird schnell klar: Erde verkörpert Werden und Vergehen. UndKunstobjekt von Madeleine Dietz sofort fällt mir auch der biblische Satz ein: „Von der Erde bist du genommen und zu Erde wirst du werden.“

Ich musste mir überlegen: Wie kann ich denn diese Erde, von der wir essen und trinken, in die wir auch wieder hineingehen -  wie kann ich diese Erde aufbewahren? Und da kam ich eigentlich direkt darauf, dass es Schreine für was Wertvolles sein sollten: Schmuck oder Goldbarren. Und für mich ist dann eben das der Platz, wo ich die Erde aufhebe.

Erde ist ja so was wie der „Urstoff“ des Lebens, nicht umsonst auch der Name unseres ganzen Planeten. Und gleichzeitig ist sie auch das Symbol für Vergänglichkeit. Madeleine Dietz musste schon früh im Leben lernen, was es heißt, nahe Menschen zu verlieren und Abschied zu nehmen.

Quasi ist mir das so vor die Füße so als Stolperfalle gelegt worden in diesem Leben. Ich habe es aufgegriffen. Das war mein Glück eigentlich, dass ich mit dem Thema dann arbeiten konnte und auch damit auch abarbeiten konnte.

Gut, dass Madeleine Dietz nicht nur ins Stolpern geraten ist, sondern dieses Stolpern künstlerisch bearbeiten konnte. Für mich wird als Betrachter ihrer Werke sofort spürbar: Ihre Kunst entsteht aus existenziellen und religiösen Fragen. Deshalb sprechen mich ihre Werke sofort an. Sie wirken klar und offen, irgendwie sogar tröstend und weitend.
Genau in dieser Wirkung sind Kunst und Religion ja verwandt. Beide helfen, die Perspektive auf das Leben zu verändern. Und genau das regen auch die Werke von Madeleine Dietz an. Wohl deshalb ist die Bildhauerin sehr gefragt, gerade in Abschiedsräumen und in Kirchen.

Teil 2: Ihre Räume

Die Erde holt sie meistens direkt vom Feld, trocknet sie und füllt sie dann in großformatige „Tresore“, die überall im Atelier rumstehen.

Meine Arbeit – und ich sag‘ jetzt mal Arbeit, nicht einmal Kunst -hat mich ein Leben lang getragen, aber auch beschäftigt, im Schlechten wie im Guten. Ohne diese Arbeit wäre ich nicht dieser Mensch,  wäre ich nicht das, was ich geworden bin. 

Ein Künstlerleben lang hat die gebürtige Mannheimerin ihre Handschrift verfeinert, vielfach ist sie ausgezeichnet. Für mich ist es zentral, dass Madeleine Dietz im wahrsten Sinn des Wortes ihre „Bodenhaftung“ behalten hat. Sie ist eine Fragende geblieben.

In der Kunst stelle ich ja eigentlich Fragen. Fragen, die ich mir selber nicht beantworten kann. Und dieses Unergründliche dieses Daseins und auch diese Unergründliche von:  Was ist, wenn mein Partner geht, zum Beispiel oder wenn eines meiner Kinder sterben würde?  Diese große Frage: Was ist denn dann? Ist da nur das dunkle Grab? Ist da nur noch die Asche? Ist da nur noch meine Erinnerung? Oder gibt's da noch was, von dem ich selber keine Ahnung habe?

Madeleine Dietz hat in verschiedenen Krankenhäusern sogenannte Abschiedsräume gestaltet, in denen verstorbene Patienten aufgebahrt werden.  Und dann auch Kolumbarien, also Urnengräber auf Friedhöfen oder in Kirchen. Vielleicht wurde sie dazu eingeladen, weil sie sich neben allem Fragen auch auf eine Gewissheit verlässt.

Als Christ sowieso: Wir wissen, was Ostersonntag ist: Es geht um Auferstehung. Es geht um „Weiter“.  Der Tod allein besiegt das Leben nicht. Das sind meine Themen, die ich versuche, in so nem  Raum darzustellen.

Zugleich fragend und doch voller Gewissheit gestaltet Madeleine Dietz Räume für die Seele. Fast schon klar, dass sie da auch ganz sensibel für Kirchenräume ist.

Ich gehe, wenn ich nen Kirchenraum betrachte, mal davon aus, dass es ganz, ganz viele Menschen sind, die in diesem Raum ihre Nöte, ihre Ängste ..  Gott darlegen. In der Hoffnung, Hilfe zu bekommen. Es sind also Treffpunkte von was ganz Wesentlichem.

In dieser Haltung gestaltet Madeleine Dietz Kirchenräume: Mit dem Urstoff Erde gibt sie uns einen Hinweis auf die göttliche Schöpfung. Mit den tresorartigen Stahlbehältnissen zeigt sie aber auch menschliche und industrielle Schaffenskraft. Diese „Signatur“ ist mittlerweile in ganz schön vielen Kirchen präsent: Unter anderem in Stuttgart, Bad Dürkheim und Worms. Im Mainzer Dom zeigt sie gerade eine Installation zum Heiligen Jahr. Und in Mannheim habe ich mich in meiner früheren Gemeinde noch längst nicht an ihrem Altar satt gesehen.

Was für ein Segen, wenn Kunstschaffende wie Madeleine Dietz gleichermaßen gegenwartsbezogen und überzeitlich sein können.

Mehr Infos zur Künstlerin:
https://www.madeleinedietz.de/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41909
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