SWR Kultur Lied zum Sonntag
Es ist vollbracht,
o Trost vor die gekränkten Seelen,
die Trauernacht
läßt nun die letzte Stunde zählen.
Der Held aus Juda siegt mit Macht
und schließt den Kampf.
Es ist vollbracht.
Mit diesen Worten endet das Leben Jesu, wie Johannes es in seinem Evangelium notiert hat.
Endlich ist es vorbei. Jesus hat gekämpft bis zum Ende. Gegen den Vorwurf, er sei ein Gotteslästerer. Was in seinen Augen nur ein grobes Missverständnis sein konnte. Wo er sich doch Gott so nahe fühlt, dass er ihn seinen Vater nennt. Er will Frieden bringen, indem er die Menschen miteinander versöhnt. Aber der Tod ist unausweichlich. Der Tod ist offenbar auch in Gottes Plan mit ihm die logische Konsequenz. Wer so predigt und so unkonventionell seinen Glauben lebt, gerät ins Visier derer, die sich auf die Traditionen berufen. Wer zu freimütig denkt, ist eine Gefahr für die, die wollen, dass alles so bleibt wie bisher. Also: Ans Kreuz mit ihm.
Aber Jesus läuft nicht weg. Er stellt sich, weil er weiß, dass es so enden muss: unverstanden, verachtet, erniedrigt. Und genau da, am Boden, am Kreuz, im Leiden und im Tod, da ist Gott am meisten er selbst.
Johann Sebastian Bach fängt in seiner Johannespassion aus dem Jahr 1725 den Tod und was er auslöst mit eindrucksvollen Mitteln ein. Ein „Molto Adagio“ als seufzende Klage der Alt-Stimme, in h-moll vertont. Begleitet wird die Stimme nur von einer einzelnen Gambe und dem dezent eingesetzten Generalbass. Umso mehr kommt die menschliche Stimme zur Geltung, die Stimme des Sterbenden, mit und ohne Worte. Denn auch die Gambe ist im Grunde eine Person, kommt als Instrument unserer Stimme sehr nahe.
Dieses „vollbracht“ als letztes Wort, das Jesus spricht, hat eine weitere Bedeutung. Es bleibt im Tod nicht stecken, sondern nimmt eine erstaunliche Wendung. Es drückt aus, dass der Tod überwunden ist, dass Gott den Tod besiegt hat. In Jesus am Kreuz.
Im Gegensatz zum Bisherigen ist der Mittelteil der Arie ein Vivace und steht im ¾-Takt. Die Tonart wechselt von h-Moll zur parallelen Durtonart D-Dur. Die Melodie nimmt auf einmal einen weiten Raum ein, und alle Streicher spielen in kräftigem forte mit. Eine besondere Bedeutung gibt Bach dem Wort „Kampf“, das er in immer neuen Tonbewegungen einkreist, und das am Ende wie ein schmerzvoller Ausruf dasteht.
Der Weg Jesu ist hart, weil am Ende sein früher Tod steht. Das war schon damals für seine Freunde schwer zu verstehen. Keiner weiß, wann er sterben wird und wie. Nur dass wir sterben müssen, das ist gewiss. Und gleichzeitig schwer zu verstehen. Weil wir den Tod nicht in der Hand haben. So wenig wie Jesus. Wir werden vollendet, machen es nicht selbst. Das ist gemeint, wenn Jesus sagt: Es ist vollbracht.
M0046766 AMS (SWR)
Johann Sebastian Bach (1685-1750), Johannespassion für Soli, Chor und Orchester BWV 245
N°30, Arie für Alt Es ist vollbracht, Solist: Michael Chance (Countertenor)
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