SWR4 Sonntagsgedanken

30MRZ2025
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Weinberg copyright: Manuela Pfann

Als Kind hatte ich ein Poesiealbum. Auf der ersten Seite steht da ein Vers, der anders ist als all die Einträge von Freundinnen und Lehrern. Mein Vater hat mir diese Zeilen vor über 40 Jahren mit auf den Weg gegeben:

„Freiheit ist der Zweck des Zwanges, wie man eine Rebe bindet, dass sie, statt im Staub zu kriechen, froh sich in die Lüfte windet.“*

Echte Freiheit hat also immer mit Regeln zu tun. Ich konnte lange nicht viel anfangen mit den Worten. Im Gegenteil: Frei sein hieß für mich, mir am besten gar nichts vorschreiben zu lassen. Und zu etwas gezwungen werden, das passte für mich überhaupt nicht mit Freiheit zusammen. Mein Vater hat die Zeilen trotzdem bei allen wichtigen Familienfesten wiederholt:

„Freiheit ist der Zweck des Zwanges, wie man eine Rebe bindet, dass sie, statt im Staub zu kriechen froh sich in die Lüfte windet.“

Es war eine kluge und wohlgemeinte Erinnerung: Freiheit kannst Du Dir nicht willkürlich nehmen. Weil es Folgen hat, wie Du Dich verhältst. Und wir sollten verstehen: Auch das, was wir uns wünschen, wovon wir träumen, braucht eine Ordnung, um gut zu gedeihen.

Heute sehe ich viel klarer, was diese Zeilen tatsächlich bedeuten: In den letzten Jahren hat sich unsere Gesellschaft verändert. Das Wort „Freiheit“ ist dabei zu einem Wort verkommen, das viele falsch verstehen – so ist jedenfalls mein Eindruck. Menschen berufen sich auf ihr Recht, frei zu sagen, was sie denken – selbst wenn das dann andere verletzt oder sie falsche Informationen verbreiten. Andere bestehen auf ihre freie Entscheidung, so viel und so schnell Auto zu fahren, in der Weltgeschichte umherzufliegen oder so viele Steaks und Bratwürste zu essen, wie sie Lust haben. Die Konsequenzen für Umwelt und Klima interessieren sie nicht. Manche Unternehmer pochen auf ihre Freiheit, so zu wirtschaften, wie sie es für richtig halten. Wenn dadurch soziale Ungerechtigkeit entsteht, dann spielt das für sie keine Rolle.

Ich glaube, diese Balance, was ist mir persönlich wichtig und gleichzeitig gut für andere, die kippt in unserer Gesellschaft gerade.

Der griechische Philosoph Platon hat übrigens schon vor über 2000 Jahren vor dieser Situation gewarnt: Er hat nämlich über die Demokratie gesagt: Das ist eine Staatsform, die Gefahr läuft sich selbst zu zerstören - wenn eben genau diese individuelle Freiheit im Vordergrund steht.

Für den zweiten Teil der SWR4 Sonntagsgedanken kehre ich nochmals zum Zitat in meinem Poesiealbum zurück, verlasse dazu aber den Schreibtisch und gehe in einen Weinberg. Ich werde mir den Weinstock und die Reben genau anschauen. Wie sieht das praktisch aus, wenn „die Rebe gebunden“ wird?

 

Ich schaue mir das vor Ort an und fahre nach Weinstadt im Remstal. Dort habe ich mich verabredet. Mit Karl-Heinz, er ist Theologe und lebt schon immer dort, wo Wein angebaut wird.

Es geht steil bergauf, wir haben eine traumhafte Aussicht über die Weinberge in Richtung Stuttgart! Noch sind die Rebstöcke kahl, keine Blätter, der Winter ist ja gerade erst vorbei. Aber eines können wir sehr gut sehen, Karl-Heinz zeigt es mir: Da wachsen neue, frische Triebe. Und jeder einzelne der jungen Triebe ist an einem Drahtgestell festgebunden - was für eine Mühe, was für ein Aufwand für die Arbeiter im Weinberg!

Karl-Heinz: Also, bis eine Rebe Frucht bringt, braucht es seine Zeit. Die wird beschnitten, muss zusammenwachsen, die muss gereinigt werden; das erfordert schon viel Anstrengung und Disziplin und Kraft.

Die Winzer sprechen tatsächlich davon, dass eine Rebe „erzogen“ wird, damit sie gut wachsen kann. Karl-Heinz hat fünf Kinder, er weiß, was Erziehung bedeutet, und kann sie deshalb ganz gut mit der Pflege einer Weinrebe vergleichen:

Karl-Heinz: Da musst du dich sorgen um einen Menschen, der dir lieb ist. Du musst mit ihm fühlen, Du musst für ihn beten. Du denkst an ihn. Du opferst Zeit und Kraft in die Beziehung. Und das ist manchmal alles andere als angenehm und sieht nach außen auch aus, als ob es deine Freiheit einschränkt. Aber es kommt dann was raus am Schluss, ja.

Und genau darum geht es; auf die Frucht kommt es an, auf die Qualität, die rauskommt. Der Weinstock muss so behandelt werden, dass er das Beste aus sich selbst herausbringen kann. Und dazu brauchen die Reben Halt.

Was hält mich, woran orientiere ich mich? Eine mögliche Antwort, die finde ich direkt hier, am Fuß des Weinbergs. Auf der Tafel eines Bildstocks stehen die passenden Worte aus der Bibel: Jesus sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt reiche Frucht“. (Joh. 15,5) Wenn ich mich also daran orientiere, wie Jesus gelebt hat, welche Werte er vertreten hat, wie er mit Menschen umgegangen ist – dann ist das zumindest ein gutes Gerüst … und eben so, hat es mein Vater ja gemeint: Ich und wir alle brauchen einen Rahmen, der uns hilft, die Persönlichkeit zu werden, die in uns steckt – und das bedeutet für mich ein Stück Freiheit zu spüren.

 

* Das Zitat wird Friedrich Wilhelm Weber (1813 - 1894) zugeschrieben.

 

Wer selbst Anregung oder Entspannung in den Weinbergen rund um Weinstadt sucht, für den haben wir zwei Empfehlungen.

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