SWR4 Sonntagsgedanken

23MRZ2025
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Sind Sie gerade auch so gereizt? Können schon kleine, unerwartete Belastungen etwas in Ihnen zum Kochen bringen (von den großen ganz zu Schweigen)? Dann sind Sie nicht allein! Bei Umfragen kommt immer öfter heraus: Die Befragten fühlen sich gestresst und gereizt. Als Jugendpfarrer bin ich natürlich an Jugendstudien interessiert. Und auch da: 20-jährige sind im Dauersorgenmodus.

Bei allen Unterschieden haben die Jungen und die Alten also doch etwas gemeinsam: ihre Zukunftssorgen. Und damit auch ihre Gereiztheit.

Ich behaupte mal: Das liegt daran, dass wir als Gesellschaft schon eine ganze Weile um unsere Überzeugungen kämpfen. Es ist ja alles nicht mehr so klar, wie es früher vielleicht einmal war. Mein Vater zum Beispiel, der kam 1953 zur Welt. Für ihn war es immer klar: Amerika ist Europas wichtigster Verbündeter. Das ist heute nicht mehr so klar. Vor acht, neun Jahren wäre für die Mehrheit im Land noch klar gewesen: Man tritt nicht aus der Kirche aus. Das ist heute nicht mehr so klar. Vor vier Jahren war der Klimaschutz noch ein zentrales Zukunftsthema. Das ist heute nicht mehr so klar.

Ganz viel scheint heute nicht mehr so klar; stattdessen gibt es unzählige Meinungen zu allem und jedem: da ist es doch klar, dass man gereizt ist.

Das ist kein neues Phänomen. Genau genommen, ist es sogar ein sehr altes. Schon in Geschichten aus der Bibel, die ungefähr 600 Jahre vor Christus spielen, kommt das vor.

Da gibt es einen Propheten namens Jeremia in Jerusalem. Er ist einer von vielen, denn es sind unsichere Zeiten: Eine neue Großmacht namens Babylon könnte die gewohnten Machtverhältnisse verändern; Jerusalems Herrschende wissen nicht genau, wohin die Zukunft führen wird. Aber trotzdem versuchen sie, ihren Vorteil daraus zu ziehen. Und auch die Priester am Tempel wollen den Menschen nicht sagen, dass die Lage schwierig werden könnte. Und dass es gilt, zusammenzuhalten, statt auf den eigenen Vorteil zu schielen. Jeremia unterscheidet sich von den Priestern und den vielen anderen Propheten. Er steht für seine Überzeugungen ein. Er sagt: Vertraut auf den Gott, den wir kennen. Auf ihn müssen wir hören und nicht auf eigene Machtinteressen. Wir dürfen uns nicht von Angst bestimmen lassen – und einfach über Bord werfen, was richtig ist: Gott und sein Gebot, dass wir füreinander einstehen sollen.  Gott hält eine Zukunft für uns bereit.

Die Menschen, die ihn hören, reagieren extrem gereizt. „Frevler“, rufen sie und, „wir werden Dich verklagen“ und auch seine Freunde wenden sich einer nach dem anderen von ihm ab. Jeremia aber bleibt bei seiner Überzeugung, seinem Glauben und seinem Gott. Obwohl er unter den Anfeindungen fast zusammenbricht. Manchmal wünscht er sich sogar, nie geboren worden zu sein.

Nun sollte so eine biblische Geschichte, die von Gott handelt, nicht eins zu eins als Beispiel für das eigene Leben gedeutet werden.

Ich denke, die Geschichte von Jeremia ist auch für uns heute interessant. Weil auch wir in unsicheren Zeiten leben und viele gerade so gereizt sind. Jeremia hat nicht aufgegeben, sich für das Richtige einzusetzen – obwohl seine Mitmenschen gereizt reagiert und ihn sogar drangsaliert haben.

Jeremia hatte Recht. Allerdings hat sich das erst im Nachhinein gezeigt: Als Jerusalem von den Babyloniern zerstört wurde. Das möchte ich nicht vergessen, wenn ich an die Diskussionen und unsere Probleme von heute denke: Denn wer dabei recht hat und die richtigen Lösungen weiß, wird sich auch erst in Zukunft zeigen. Und trotzdem sollten wir es machen, wie Jeremia: für die eigene Überzeugung einstehen und sich von den anderen nicht mundtot machen zu lassen – egal wie gereizt die auch reagiert haben mögen.

Ich finde, die Geschichte hat uns außerdem noch etwas zu sagen. Nämlich: Nicht ständig gereizt sein! Es wäre viel reizender, wenn statt der ständigen „Frevler“-Rufe mal jemand rufen würde „Aha, das hab ich ja noch nie so gesehen. Anregend!“ Denn Jeremia benennt ja, wie er sich fühlt: Es wäre besser, nie geboren worden zu sein. Der dauernde Kampf um Überzeugungen macht mürbe.

Weltwandelzeiten waren das damals bei Jeremia. Und auch unsere heutige Welt wandelt sich. Der Ausgang ist ungewiss. Diese Ungewissheit gilt es, zu akzeptieren. Ich denke, es gilt, wie Jeremia zu den eigenen Überzeugungen zu stehen. Er leidet zwar an den Reaktionen auf das, was er sagt. Aber er gibt die Zukunft nicht auf. Und er gibt auch die Hoffnung nicht auf, dass die Menschen ihre eigenen Interessen eben doch hinten anstellen können. Und aufhören, so gereizt zu sein und lieber gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Dazu gehört dann für mich, geduldig zu ertragen, dass momentan alles nicht mehr so klar ist wie noch vor 10 Jahren. Für meine Überzeugungen einzustehen, und aufzupassen, dass ich nicht selbst überempfindlich und gereizt reagiere, wenn jemand anderer Meinung ist.  Und aber auch auszuhalten, dass wir alle irgendwie gereizt sind und auch im Kleinen mit der Ungewissheit ringen, wie die Zukunft wird.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

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