SWR Kultur Lied zum Sonntag
Das Lied zum Sonntag heute ist eine Einladung. Der Abt eines Klosters spricht sie aus. Abt Arnulf von Löwen, der vor 800 Jahren in Belgien gelebt hat, will dem gekreuzigten Jesus besonders nahe sein. Deshalb lädt er mit seinem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ dazu ein, diesen Leidenden zu betrachten: Schau auf den leidenden Jesus am Kreuz, auf die Dornenkrone, die aus ihm die Karikatur eines Königs macht. Und sieh ihm in sein blutüberströmtes Gesicht. Denn das ist ein stiller Schrei. Jesus fragt, ob du sein Leiden mit ihm teilen willst.
O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron.
O Haupt, sonst schön gekrönet
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber frech verhöhnet,
gegrüßet seist du mir.
Unser Lied ist nicht nur eine Einladung, sondern auch ein Gruß. Mit dem Gruß „Salve“ beginnt das lateinische Original, und mit den Worten „… gegrüßet seist du mir“ schließt die erste Strophe in der deutschen Übersetzung von Paul Gerhardt. Dieser Gruß will eine Beziehung aufbauen zwischen dem Sterbenden am Kreuz und mir, der ihn anschaut und den sein Leiden nicht kalt lässt. In diesem Jahr spricht mich besonders eine Strophe an, in der es heißt: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir“. Vielleicht deshalb, weil gerade diese Strophe auch ein Teil von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion ist. Sie erklingt dort direkt nach dem Tod Jesu.
Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir.
Wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür.
Wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.
In der Fastenzeit sehe ich die Bilder des Gekreuzigten bewusster, zum Beispiel auf dem großen Fastentuch im Freiburger Münster, das zur Zeit vor dem Hochaltar hängt. Und mit Musik erlebe ich solche Bilder der Passion noch intensiver. Obwohl das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ sehr traurig und melancholisch klingt, ist es für mich am Ende doch ein Lied voller Hoffnung. Es singt davon, dass das Leid nicht das letzte Wort ist! „So reiß mich aus den Ängsten“ – haben wir gerade gehört, und das ist auch meine Bitte an Jesus, der voller Angst am Kreuz hängt. Die Angst, die mich manchmal umtreibt, vor der Zukunft oder davor, überfordert zu sein, oder ob mir bald der Abschied aus dem Berufsleben gut gelingt – diese Angst verschwindet nicht schlagartig, wenn ich auf Jesus schaue. Aber manchmal tröstet es mich, wenn ich dieses Lied höre, das den Schmerz ernstnimmt und zum Mitleiden einlädt. Dann kann ich getrost mitsingen, wenn es heißt: „Ich danke dir von Herzen, o Jesu, liebster Freund“.
Textdichter und Komponist:
T: Paul Gerhardt, nach Arnulf von Löwen
M: Hans Leo Haßler
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