SWR Kultur Lied zum Sonntag

Kreuze hängen in Kirchen und Wohnzimmern, stehen an Wanderwegen und auf Berggipfeln. Es ist Erkennungszeichen der Christen und zugleich irritiert es. Denn eigentlich ist das Kreuz ein Folter- und Hinrichtungsinstrument, steht für Leid und Tod. Und doch ist es für Christen ein hoffnungsvolles Zeichen.
So auch in unserem heutigen Lied zum Sonntag „Kreuz, auf das ich schaue“. Es ist ein Lied aus den 80ern und gehört damit – auch wenn das mittlerweile schon über vierzig Jahre her ist – immer noch zu den eher neueren Liedern für die Fastenzeit. Eckard Bücken, ein evangelischer Diakon aus Berlin, hat es in Anlehnung an ein altes Kirchenlied geschrieben. Schlicht und mit wenigen Worten wird in drei Strophen das Kreuz besungen. Und es geht dabei nicht um Dornenkrone und Schmerzen, sondern um Nähe und Zuversicht.
Musik 1
Kreuz, auf das ich schaue, steht als Zeichen da;
der, dem ich vertraue, ist in dir mir nah.
Ich kann nicht sagen, wie oft ich schon auf ein Kreuz geschaut habe. Häufig bleibt es schlicht und einfach ein Zeichen. Doch manchmal passiert mehr. Besonders dann, wenn meine Gefühle unsortiert sind. Wenn ich mich zerrissen fühle zwischen Himmel und Erde. Wenn ich mir Sorgen mache oder nicht weiter weiß. Dann auf ein Kreuz zu schauen, gibt mir Halt. Weil es mich daran erinnert, dass ich nicht allein bin. Dass ich mich Jesus verbunden fühlen kann. Einem, der mit mir fragt: Gott, wo bist du in all dem?
In solchen Momenten wird nicht sofort alles anders, aber meine Angst und meine Sorgen rücken in ein anderes Licht. Bekommen eine neue Farbe. Wie ein schwebender hoher Ton, der zur Melodie dazukommt. Und so heißt es in der zweiten Strophe:
Kreuz, zu dem ich fliehe aus der Dunkelheit;
statt der Angst und Mühe ist nun Hoffnungszeit.
Der Liedtext kann sich nicht richtig entscheiden. Immer wieder schwankt er hin und her. Mal geht es um das Kreuz, zu dem ich hinschauen oder hingehen kann – gerade wenn mein Lebensgepäck schwer auf meinen Schultern lastet. Und an anderen Stellen im Lied geht es um Jesus, der mir immer nahe ist. Und der mich hoffen lässt – auf jeden neuen Tag und sogar auf ein Leben nach dem Tod. Auch in der dritten und letzten Strophe des Liedes klingen beide Perspektiven an:
Musik 2
Kreuz, von dem ich gehe in den neuen Tag,
bleib in meiner Nähe, dass ich nicht verzag.
Je öfter ich mich mit dem Lied beschäftige, desto mehr mag ich, dass das Lied keine eindeutige Perspektive hat. Weil es in meinem Leben doch oft auch so ist. Dass ich irgendwo zwischen Leid und Leben stecke. Zwischen Sorgen und Hoffen. Zwischen dem Alltag, der oft mühsam ist, und einem mutigen und frischen Start in den neuen Tag.
Das heutige Lied zum Sonntag ist ein kurzes Lied. Und trotz aller Kürze leuchten in den schlichten Strophen drei Facetten des Kreuzes auf. So ist das Kreuz zunächst Orientierungspunkt, in all den Aufs und Abs meines Lebens. Dann steht es auch für Hoffnung, weil es mich daran erinnert, dass ich nicht alles alleine durchstehen muss. Und es stärkt mich, um weiterzugehen. Mit Jesus an meiner Seite – in den heutigen Sonntag hinein.
Titel: „Kreuz, auf das ich schaue“
Kirchenlied für gemischten Chor a cappella.
Komponist: Lothar Graap; Leon Tscholl
Interpret: CoroPiccolo Karlsruhe, Leitung Christian Raiser
Eigenproduktion des SWR vom 20. und 21.05.2022
SWR Archiv-Nummer: M0687557
Orgelaufnahmen:
KMD Dr. Markus Uhl
Chororgel in der Jesuitenkirche Heidelberg (Orgelbau Kuhn)
Aufnahme Februar 2025
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41699