Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Heute ist Frühlingsbeginn der Wetterfrösche. Endlich. Dieses Jahr konnte ich es kaum erwarten. Die dunklen Tage waren lang, haben mich gefangen genommen.
So auch an diesem regnerischen Tag, es ist fast schon wieder dunkel. Ich schwinge mich auf mein Rad, ziehe Handschuhe und Mütze an und radele los. Mein Ziel ist das Krankenhaus am anderen Ende der Stadt. Ich bin spät dran. Groß liegt das Krankenhaus vor mir. Ich stelle mein Fahrrad auf dem einen Platz am Fahrradständer, der noch frei ist und gehe durch die Drehtür nach drinnen. Die Anmeldung ist nicht besetzt und ich weiß nicht wohin; ich habe meine Bekannte gar nicht gefragt, wo sie denn liegt. So irre ich ein wenig hilflos durch das große Klinikum und wäre am liebsten wieder umgekehrt, als mein Handy klingelt. Ich höre ihre Stimme, sie fragt mich, wo ich denn bleibe und sie nennt mir Stockwerk, Station und Zimmernummer. Vor dem Fahrstuhl muss ich noch mal eine gefühlte Ewigkeit warten. Das passt genau zu diesem grauen Tag. Schließlich kommt der Fahrstuhl, doch schon nach einem Stockwerk bleibt er wieder stehen. Ein Vater tritt mit seiner Tochter an der Hand in den Fahrstuhl. Die Tür ist noch nicht richtig zu, da platzt es aus dem kleinen Mädchen heraus: „Ich habe gerade meinen Baby-Bruder besucht. Er ist ganz klein und ganz neu.“ Ihr kleiner Körper bebt vor Freude und ihre Augen leuchten. Und auf einmal wird es heller in dem Fahrstuhl und in mir drin. Das Leben hat mich getroffen, ganz unerwartet. „Das ist ja toll“, sagte ich, „Wie heißt er denn?“ „Er hat noch keinen Namen, er ist ganz neu, mein Bruder“, sagt sie und lacht. Dann steige ich aus.
Manchmal hat das neue Leben noch keinen Namen, aber es ist da und zeigt sich und zieht andere mit hinein. Manchmal wird es schon mitten im Winter Frühling. Ich sehe die Schneeglöckchen und die Traubenhyazinthen in meinem Vorgarten, zarte neue Lebenszeichen. Und ich höre die Blaumeisen vor meinem Fenster um die Wette singen. Wir brauchen die Zeichen des neuen Lebens so dringend. Ich mache das Fenster weit auf.
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