SWR4 Sonntagsgedanken
Es gibt Tage, die brennen sich für ein Leben lang in der Seele ein. Der 23. Februar ist so ein Tag, jedenfalls für viele Menschen in Pforzheim. An diesem Tag sind innerhalb von 20 Minuten 18 000 Menschen im Feuersturm durch einen Bombenangriff ums Leben gekommen. Die Bilder der Erinnerung an das, was heute vor 80 Jahren in Pforzheim geschehen ist, sind immer noch wach.
Ich denke an die Erzählungen der Frau, die auch nach 80 Jahren noch die Angst im Keller in den Gliedern spürt und die sich ganz genau an den Moment erinnert, als sie gehört hat, dass ihre beste Freundin umgekommen ist am Ufer der Nagold auf der Flucht vor dem Feuersturm.
Ich habe den Mann im Ohr, der mir erzählt, wie sie die Worte „wir leben alle“ an das Kellergewölbe des abgebrannten Elternhauses geschrieben haben – für die Brüder, falls sie aus dem Krieg heimkehren.
Der Feuerorkan am 23. Februar 1945 hat Briefbogen eines Pforzheimer Arztes bis nach Stuttgart getragen. Leere Briefbögen, vom Feuersturm mitgerissen, aus einer Arztpraxis, die wie so viele Häuser in der Pforzheimer Innenstadt den Flammen zum Opfer fiel. Für mich ist das Bild von den leeren Briefbögen, die durch die Luft an einen unbestimmten Ort getragen werden, ein Sinnbild für den Februar 1945 und seine Folgen.
Sie stehen für all die Briefe, die nie geschrieben wurden, weil die, die sie hätten schreiben können, umgekommen sind. Sie stehen aber auch für das, was auf den unbeschriebenen Blättern der zerstörten Stadt wachsen konnte an Aufbruch und Aufbau, an Versöhnung und Mahnung für den Frieden, an Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen. Und sie stehen für die vielen unbeschriebenen Lebensblätter von Menschen, die in unserer Zeit in den Trümmerwüsten in Gaza und in Syrien und an so vielen Städten in der Ukraine um ihre Lieben trauern.
Der Komponist Rolf Schweizer hat ein „Requiem 23. Februar 1945 für Tote und Lebende“ geschrieben. Da lässt er die Toten sprechen. Sie sagen: „Wir Unvollendeten zu Grabe getragen; mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen! Bevor wir entzündet, sind wir verglommen. Bevor wir verkündet, im Rauch verschwommen. Unser junger Gedanke nie ausgelacht, das tiefste Weinen des Lebens versäumt, und seine Träume nie ausgeträumt!“
So viele Leben, die nicht zu Ende geschrieben sind. So viele leere Seiten wie das Briefpapier aus der Arztpraxis. Sie sind vom Wind fortgetragen, aber sie sind nicht ins Leere gefallen. Als Christin glaube ich daran, dass jedes Leben in Gottes Hand geborgen ist. Kein Leben ist bei Gott vergessen. In seinen Armen und in seiner Erinnerung sind alle aufgehoben, auch die, deren Leben jäh und viel zu früh geendet hat. Die Erinnerung an sie verändert auch meinen Blick auf die Gegenwart.
Deshalb erinnern wir in diesen Wochen an die Opfer von Krieg und Gewalt.
20 Minuten lang werden heute Abend die Glocken der Pforzheimer Kirchen läuten. 20 lange Minuten für das Gedenken und für das stille Erinnern.
Bei dem Angriff heute vor 80 Jahren wurden auch fast alle Kirchen der Stadt beschädigt oder zerstört, auch nahezu alle plastischen Kunstwerke der bildenden Kunst gingen verloren. Nur ein Christus-Kreuz aus dem 15. Jahrhundert hat auf wundersame Weise überlebt, wenn auch schwer beschädigt. Dieser mehrfach verwundete Christus ist bis heute das Altarkreuz der Pforzheimer Auferstehungskirche. Wenn ich diesen Christus sehe, sehe ich beides: die vielen Spuren von Leid und Gewalt und die Kraft der Auferstehung und des Lebens, das Christus auch nach Leid und Zerstörung schenkt.
Heute Abend werden hier und in den anderen Pforzheimer Kirchen 20 Minuten die Kirchenglocken läuten. 20 lange Minuten. Um daran zu erinnern, dass es nie wieder geschehen darf, dass die Menschlichkeit so verloren geht. „Ihr sollt in Freuden ausziehen und in Frieden geleitet werden.“ So heißt es in der Bibel, im Buch des Propheten Jesaja.
Es ist die Ermutigung dazu, dass wir nicht Hass und Hetze in unsere Herzen lassen, sondern am Frieden und an der Menschlichkeit festhalten und dafür eintreten. Das ist mehr als Erinnern. In Freuden ausziehen und sich miteinander auf den Weg machen und von Gott in Frieden geleitet werden – das heißt für mich zusammenzustehen, wenn Gewalttaten schreckliches Leid verursachen.
Hinhören und hinsehen, Unrecht benennen und dagegen eintreten.
Ich trage die Erzählungen der Menschen im Herzen und ihre Erinnerungen an die Trümmer. Sie sind nicht das Ende. Auf den unbeschriebenen Blättern entstehen neue Geschichten von Aufbruch und von Frieden. In Freuden ausziehen und in Frieden geleitet werden. So bleiben wir auch bei uns zusammen über alle Risse in der Gesellschaft hinweg. So bleiben wir Menschen und sehen in jedem Menschen Gottes geliebtes Kind. Auch heute. Wir haben die Wahl.
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