SWR4 Sonntagsgedanken

16FEB2025
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Armut wahrnehmen

Jetzt, um diese frühe Uhrzeit, sitzen viele von ihnen beim Frühstück, in einer warmen Wohnung, einen Tag vor sich mit Freizeit oder Besuchen, manche müssen auf die Arbeit, andere haben erst mal nichts vor. Vielen von ihnen geht es gut an diesem Sonntagmorgen.

Aber das ist nur die eine Seite der Sonntagsmedaille. Denn jeder fünfte Mensch in unserem immer noch so reichen Land ist von Armut und Ausgrenzung bedroht. Auch an einem scheinbar harmlosen Sonntag.

Armut hat viele Gesichter: Absolute Armut heißt, dass Menschen nicht einmal ihre einfachsten Bedürfnisse befriedigen können. Absolute Armut heißt hungern, keine warme Kleidung im Winter, kein Dach über dem Kopf und keine Krankenversicherung. Diese absolute Armut kommt bei uns zum Glück nur selten vor. Aber relative Armut ist überall anzutreffen. Relativ arm sind Menschen, die schlechte Lebenschancen haben, die ihr komplettes Geld für die Grundbedürfnisse ausgeben müssen. Für Kino, Busticket oder Fortbildungen ist kein Euro übrig. Die Konsequenz: Arme Menschen haben wenige soziale Kontakte und kaum Zugang zu guter Bildung – und kommen so nur ganz schlecht aus ihrer Armut heraus.

„Selig, ihr Armen“, beginnt ein berühmter biblischer Text. Die Seligpreisungen. In ihnen konzentriert sich die ganze Jesus-Botschaft in wenigen Sätzen. Glück und Selig-sein spricht Jesus hier allerdings paradoxerweise vor allem den Menschen zu, die in schwierigen Situationen leben: Menschen, die arm sind, trauern, hungern, ausgegrenzt werden. Jesus ergreift für diese Menschen Partei. Und zwar mit einem deutlichen Wink an die Menschen, die reich, satt und zufrieden sind, die in der Mitte der Gesellschaft stehen. Jesus weiß: Armut und Reichtum werden nicht einfach verschwinden. Aber egal, wie viel jemand hat: Ausgrenzung darf nicht sein. Menschen müssen, egal ob arm oder reich, am Leben teilhaben können. Weil sie Menschen sind, wertvoll sind. Ganz egal, ob sie in einem großen Haus am reich gedeckten Frühstückstisch sitzen oder jeden Cent herumdrehen müssen.

Andere sehen

Sich selbst lieben, das ist manchmal ganz schön knifflig. Umso kniffliger ist es, den anderen zu lieben. Beides verbindet sich in dem Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber: Wie funktioniert das praktisch?

Der Entertainer Thomas Gottschalk hat einmal in einem Interview erzählt, was Nächstenliebe für ihn heißt: „Ich vermeide es, andere zu piesacken. Ich will für meine Frau und meine Kinder, wenn sie mich brauchen, genauso da sein wie für alle anderen, für die ich verantwortlich bin, Putzfrau oder Gärtner. Schon aus Dankbarkeit dafür, dass ich mir dieses Personal überhaupt leisten kann.“

Nächstenliebe hat für den Moderator mit den Menschen zu tun, die um ihn herum sind. Familie, das liegt nahe. Aber Gottschalk nennt auch seine Angestellten. Klar, der Fernsehstar hat Geld dafür. Aber es ist doch auffällig, dass er diese Menschen wahrnimmt. Und dankbar für ihre Arbeit ist.

Mir geht es oft genug so, dass ich die Nächsten um mich herum kaum beachte. Gerade die Menschen, die irgendwie über die Runden kommen müssen. Die Alleinerziehende in Teilzeit an der Kasse, die Hilfskraft auf dem Gemüsefeld, an dem ich vorbeijogge, der Kellner im Bistro, der mir Tee anbietet.

Wenn es in den Seligpreisungen heißt: „Selig, ihr Armen,“ dann geht es um diesen Blick. Dass die, die etwas besitzen, die Menschen wahrnehmen und würdigen, die eben wenig haben. Dann wird Nächstenliebe konkret. Denn nur dann kann ich auch, wenn ich mehr habe, andere unterstützen, finanzieren, meine Nähe anbieten. „Selig, ihr Armen“ will Besitzende motivieren. Zu einem verantwortlichen Handeln gegenüber denen, die wenig haben. Denn Armut wird nicht von alleine weniger. Das wissen auch die Seligpreisungen. Es braucht Menschen, die etwas dagegen tun. Die andere sehen und sehen, was sie brauchen.

 

 

 

Lk 6, 17.20–26

In jener Zeit 17 stieg Jesus mit den Zwölf den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon 18a waren gekommen. 20 Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. 21 Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. 22 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. 23 Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht. 24 Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen. 25 Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. 26 Weh, wenn euch alle Menschen loben. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.

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