SWR Kultur Lied zum Sonntag
Musik
„Was brach da durch das Wintergrau / und schmückt das schwarze Beet so blau, / als ob's im Himmel wohne? / Die kleine Anemone: / Ich pflanzt' sie da genau.“
Anfang März: Die ersten Vorboten des Frühlings tauchen auf. Auch in Dänemark, wo unser Lied heute herkommt. Es erzählt davon, wie ein Pfarrer eine Anemone an der geschützten Stelle einer milden Insel ausgegraben und in seinen Pfarrgarten verpflanzt hat. Und jetzt streckt sie ihre blauen Blütenblätter in den rauen Wind der Nordseeküste – es scheint ihr nichts anzuhaben.
Musik
„Jeg tænkte, den må dø“ – „Ich dachte, sie muss sterben!“ So wundert sich der dänische Pfarrer über die Widerstandskraft der kleinen Blume.
Wir schreiben das Jahr 1943. Pfarrer Kaj Munk ist weit über die Grenzen seiner kleinen Gemeinde hinaus bekannt – er ist damals der meistgespielte Bühnenautor in Dänemark. Vor allem aber ist er die Stimme des Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Unermüdlich schreibt und predigt er gegen die Gewalt und das Unrecht an. Dabei hält er sich fest an Jesus – den „Meister mit der schweren Dornenkrone“, wie er ihn einmal nennt. Und an Hoffnungszeichen aus der Natur wie die Anemone: Sie lebt – trotz der widrigen Umstände. Kaj Munk weiß, dass er selbst vielleicht bald sterben muss. Er sucht den Märtyrertod nicht. Aber wenn es sein soll, nimmt er ihn in Kauf.
Musik
„Jetzt seh ich sie sich wiegen ... / Sie lässt sich nicht besiegen … /, als gäbe ihr die Widrigkeit / nur eine größ're Sicherheit: / Wie eine Amazone / steht meine Anemone / und ist zum Kampf bereit.“
Kaj Munk war zum Kampf bereit. Im Dezember 1943 hat er verbotenerweise im Kopenhagener Dom gepredigt. Inzwischen hat auch in Dänemark die Verfolgung der Juden eingesetzt. Kaj Munk sagt: „Wenn man mit der Verfolgung einer Gruppe unserer Landsleute anfängt, nur um ihrer Abstammung willen, dann ist es christliche Pflicht der Kirche zu rufen: Das ist gegen das Grundgesetz im Reiche Christi, die Barmherzigkeit! – Dann wollen wir mit Gottes Hilfe versuchen, das Volk zum Aufruhr zu bringen.“
Nur wenige Wochen später wurde Kaj Munk von einem Sonderkommando der SS aus seinem Pfarrhaus geholt. Am nächsten Morgen fand man die Leiche des Erschossenen an einem Straßenrand.
Musik
Kaj Munk hat seinen Landsleuten nicht nur die Kraft zum Widerstand gegeben. Er hat ihnen Hoffnung gegeben. Hoffnung auf einen Gott, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist. Diese Hoffnung möchte ich in unsere heutige Situation mitnehmen. In all das Hoffnungslose, scheinbar Aussichtslose: Es mag noch dauern, bis es Frühling wird. Doch Kaj Munk verstand die kleine blaue Blume als Zeichen Gottes:
“Die blauen Blütenblätter / sind mir des Frühlings Täuflingskleid, / sind mein willkomm'ner Retter / aus Hoffnungslosigkeit. / Ich bücke mich und streichle sacht / die neue zarte Blütenpracht. / Wie hat dich mir zum Lohne, / du kleine Anemone, / der Schöpfer schön gemacht!”
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T: Kaj Munk: „Den blå Anemone“ (1943; deutsche Nachdichtung: Christian Hartung)
M: Egil Harder (1945)
Munk, Kaj; Harder, Egil; Den Blå Anemone; DR Radiopigekoret; Phillip Faber; Se, Hvilken Morgenstund. Den Danske Sangskat; 01-008; (P) (C) 2005 SONY BMG MUSIC ENTERTAINMENT A/S & DR
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